Osamu Tezukas „Phoenix“ Band 1: Dawn

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Über einen Zeitraum von 21 Jahren konzeptionierte Osamu Tezuka sein Comic-Epos „Hi no Tori“, das seine komplexe Geschichte vom Jahr 240 bis ins Jahr 3404 erzählt. Das besondere hierbei ist, dass die 12 Bände mehrere Lesarten zulassen. Ich stelle Euch heute den ersten Band von 1967 vor: „Dawn“ zu deutsch „Dämmerung“, der den Zeitraum von 240 bis 270 nach Christus umfasst!

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Vorab: Grundsätzlich kann jeder Band der „Phoenix“-Reihe einzeln für sich gelesen und genossen werden, ohne die anderen Bände vorausgesetzt zu wissen. Geschrieben hat Osamu Tezuka die Bände in einer eigentümlichen Reihenfolge. Er beginnt in Band 1 im Jahr 240 zur Gründungszeit Japans, wohingegen er in Band 2 eine Geschichte vom Ende und der Wiedergeburt der Welt im Jahr 3404 erzählt. So wechseln sich die Geschichten immer ab. Eine Geschichte mit historischem Bezug, dann ein Science-Fiction-Abenteuer und immer so weiter. Die historischen Geschichten bewegen sich zeitlich dabei chronologisch vorwärts, wohingegen die Zukunftsgeschichten rückwärts ablaufen. Die Handlung bewegt sich dabei auf einen Punkt in der Gegenwart der 1980er zu, einer Geschichte, die Tezuka leider nicht mehr vor seinem Tod zeichnen konnte. Daher gilt das Werk „Phoenix“ einerseits als Tezukas Lebenswerk, andererseits aber auch als unvollendet. Es tut der Qualität allerdings keinen Abbruch, zumal Osamu Tezuka eine leicht zugängliche Parabel über Geburt, Tod und Wiedergeburt verfasste, gespickt mit unzähligen existenzialistischen und humanistischen Elementen, für die ihn seine Leser noch heute weltweit lieben.

dawn9.jpg  Die Geschichte beginnt mit dem Aufstieg auf einen Vulkan. Ein junger Mann begibt sich bewaffnet mit Pfeil und Bogen auf die Suche nach dem legendären Feuervogel Phoenix, von dem es heisst dass sein Blut Unsterblichkeit verleiht. Doch als der junge Held sich auf das Federvieh stürzt, verbrennt er elendiglich. In seinem Heimatdorf ist die Trauer über diesen Misserfolg groß, schließlich sollte das Blut die Verlobte des jungen Mannes, Hinako, heilen, die am damals noch unbekannten Tetanus erkrankt ist. Just in der selben Nacht wird ein Fremder namens Guzuri an Land gespült, der sich als Arzt zu erkennen gibt. Als man ihm die Gelegenheit gibt, Hinaku zu heilen darf er sich fortan das Vertrauen des Dorfes sichern. Einige Zeit später heiratet er Hinaku, entpuppt sich allerdings in der Hochzeitsnacht als Spion des Landes Yamatai unter der Führung von Königin Himiko. Mittels Feuerzeichen lockt er eine ganze Armee in das Dorf, unter der Führung von General Sarutohiko. Das ganze Dorf wird dem Erdboden gleichgemacht. Der Verräter Guzuri flieht mit seiner Frau in die Berge und lediglich Hinakus Bruder Nagi wird von Sarutahiko als Sklave und Andenken in das Land Yamatai mitgenommen.

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Yamatai wird unter eiserner Knute von Königin Himiko regiert, die nicht drauf klarkommt, altern zu müssen. In ihrer Hysterie setzt sie einen den besten Jäger des Landes darauf an, ihr das Blut des Feuervogels zu beschaffen. Sarutahikos Entscheidung Nagi bei sich aufzunehmen verfolgt Himiko mit strafendem Blick. Nach einem Attentatsversuch Nagis auf die Königin, wird Sarutahiko in eine Höhle mit Hornissen gesperrt, durch deren Stiche seine vormals kleine Nase zu einem charakteristischen Kolben anschwillt. Als die beiden aus Yamatai aufs Festland fliehen, geraten sie in Gefangenschaft der Koreaner, die durch ihre Pferdestaffel Yamatai weit überlegen sind. Es kommt zu einem dramatischen Finale.

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Osamu Tezuka schafft es in der ersten Geschichte der Phoenix-Reihe den Leser direkt in die Geschichte hineinzusaugen. Er beginnt mit einem kleinen, fast märchenhaft anmutenden Szenario, das zunehmend komplizierter wird. Die Idee des Karma spielt hier, wie in vielen Geschichten Tezukas, eine tragende Rolle. Yamatai unter Königin Himiko fühlt sich überlegen, erobert, brandschatzt, nur um am Ende selber von den Koreanern erobert zu werden. Königin Himiko dürstet nach dem Blut des Phoenix, aber ironischerweise stirbt sie vor Freude, als ihr der Leib des Vogels von ihrem Haus- und Hofjäger dargebracht wird. Sehr interessant gestaltet sich die Beziehung zwischen Nagi und Sarutahiko, die zu Anfang wie eine klassische Versklavung anmutet, sich allerdings im Laufe gemeinsamer Eskapaden zu einer Freundschaft und am Ende gar zu einem Vater/Sohn-Verhältnis ausweitet. Überhaupt ist das Verzeihen in der Geschichte ein wiederkehrendes Motiv. Sarutahiko vernichtet Nagis und Hinakus Dorf und schlachtet die Bewohner auf brutale Weise ab. Dennoch verzeiht Nagi zunehmend diesen Fehler, weil er erkennt, dass Sarutahiko auch nur eine Marionette Himikos gewesen ist. Guzuri, der ja auch maßgeblich an der Vernichtung des Dorfs beteiligt war, wird auch von dessen Frau verziehen, ja sie beschließen sogar, das Dorf durch ihre Nachkommen neu zu gründen.

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Visuell und erzählerisch experimentiert Osamu Tezuka mit vielen kuriosen Ideen, wie dem Durchbrechen der vierten Wand, wenn beispielsweise Nagi von einem Panel ins andere hindurchbricht. Das Charakterdesign ist wie in allen anderen Werken des Zeichners auf einfache Weise bezaubernd schön. Der Phoenix ist in seiner Gestalt anmutig, filigran und elegant gezeichnet, Sarutahiko grobschlächtig und Nagi mit seinem wilden Zopf ein verwegener tragischer Held. Sehr interessant sind Osamu Tezukas Fußnoten. Tatsächlich ist es so, dass Japan bis zum Jahr 240 keinerlei historische Erwähnung findet. Erst durch Yamatai unter Himiko (wobei sich Archäologen bis heute uneins sind, wo Yamatai genau gelegen hat) findet Japan erstmals Erwähnung in einem chinesischen Bericht, wo die Bewohner allerdings noch als barbarisch beschrieben werden. Und genau so, sind sie auch von Tezuka inszeniert worden, denn ihr Verhalten gegenüber anderen ist einfach nur barbarisch und egoistisch.

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Sarutahiko, der in der japanischen Folklore als Urvater der Tengu gilt, charakteristisch an seiner großen Nase erkennbar ist hier ein ganz normaler General von Yamatai, der diese Nase durch Hornissenstiche erhält. Tezuka entmystifiziert in dieser Geschichte mehrere magische Figuren des Shintôismus, obwohl er interessanterweise in einer späteren Geschichte im Phoenix-Zyklus genau diese Wesen legitim aufgreift.

„Dawn“ erschien in englischer Sprache im Viz-Verlag. Die Sprache ist einfach gehalten, so dass man den Band mit der Kenntnis von einfachem Schulenglisch leicht verstehen kann. Die Geschichte wurde zwei Mal verfilmt, einmal 1978 als Realfilm und im Rahmen der viel zu kurzen Phoenix-Zeichentrickserie als 4-Teiler. Letzterer ist erfreulicherweise vor paar Jahren mit einer sehr guten deutschen Synchronisation erschienen. Was allerdings in dieser Verfilmung verloren geht, ist Tezukas typischer Slapstick, der Lesern seiner Comics nur allzu vertraut ist.

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Alles in Allem handelt es sich bei „Dawn“ um einen poetischen Auftakt zu einer der wichtigsten Comic-Reihen aus Japan. Im Zuge der Schnelllebigkeit und aktuell populären Langzeitserien gerät zwar ein Werk wie „Phoenix“ leicht in den Hintergrund, was aber nicht minder an der Qualität kratzt. Obwohl Osamu Tezuka schon vor 29 Jahren von uns gegangen ist, überdauert seine Popularität. Ich kann den Comicband allen aufgeschlossenen Lesern sehr empfehlen, all jenen vor allem die Klassiker lieben.

 

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