Und endlich… Erste Eindrücke von „Twin Peaks – The Return“

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Warum gab es so lange keine neuen Artikel auf diesem Blog? Ganz einfach. Ich war und bin inoch im Twin Peaks-Fieber. „Twin Peaks“ in seiner dritten Staffel wollte von mir nicht einfach nur geschaut, sondern zelebriert werden. Seit dem 21. Mai war nichts so sehr in meinen Gedanken, wie diese wunderbare Produktion. Und auch wenn ich derweil auch andere Serien täglich schaute, wie etwa „Breaking ‚Bullshit‘ Bad“ oder „Gilmore Girls“, so war das wöchentliche Highlight stets ein bis vier Folgen dieser neuen Staffel. Leser dieses Blogs wissen, dass meine Erwartungen hoch waren und ich seit der ersten Ankündigung auf diese Produktion hinfieberte. Ich stand nun vor der Wahl, hier entweder Woche für Woche etwas zu der jeweils neuen Folge zu schreiben, oder erst am Ende.  Doch nach den ersten Folgen entschied ich mich dafür, alles zu schauen, sacken zu lassen….(oh, und es musste sacken)…und dann darüber zu schreiben. Hat es sich aber gelohnt?

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Sky Deutschland sei Dank hatte ich die Gelegenheit Woche für Woche meine tägliche Dosis „Twin Peaks“ ab der ersten Stunde zu konsumieren. Zugegeben, auch wenn die Folgen von Sonntag auf Montag um 3.00 Uhr freigeschaltet wurden, war es meistens der Montag-Morgen, an dem ich mich der englischen Original-Fassung widmete, woraufhin mich jeden Donnerstag die deutsche Synchronisation erwartete. Und auch wenn nicht alles immer ganz reibungslos lief, Folgen zu früh freigeschaltet wurden, vergessen oder übersprungen wurden, war ich dennoch mit dem Angebot von Sky zufrieden. Das Besondere war an meinem Montag-Vormittag des 21. 05. 2017 genau 4 Folgen sehen zu können. So ziemlich jeder, der sich drauf gefreut hatte, einschließlich mir hatte mit Sicherheit gewisse Erwartungen. Aber nach den ersten vier Folgen wusste ich nicht, ob ich lachen, weinen oder wütend sein sollte….

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Erinnern wir uns kurz nochmal an das Ende von Staffel 2 zurück. Der vermeintlich aus der schwarzen Hütte entkommene FBI Agent Dale Cooper geht in den Waschraum seines Hotelzimmers und schlägt seine Stirn gegen den Spiegel. Im selbigen blickt ihm das böse Konterfei des Dämonen Bob entgegen. Cooper  lacht irre und und der Abspann läuft. Dem aufmerksamen Zuschauer, der sich mit der Mystik der Serie auseinandersetzte war klar, dass dies nicht Cooper selbst war, sondern sein Schattenselbst, ein böser Doppelgänger, der aus der schwarzen Hütte, dem Hort des Bösen, entkommen war. Das Original, unser aller Lieblingsagent hingegen steckte in der schwarzen Hütte fest. Viele Fragen blieben seit diesem Ende vor 25 Jahren offen. Nicht nur für Dale Cooper, sondern auch die anderen liebgewonnenen Figuren aus dem kleinen Örtchen Twin Peaks, die allesamt mit Familiendramen, Unfällen und sonstigen Cliffhangern für 25 Jahre in der Luft hängen gelassen wurden. Bis jetzt.

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25 Jahre sind auch in Twin Peaks ins Land gestrichen. Und im ersten Moment scheint sich für die Bewohner nicht verändert zu haben. Doctor Jacoby ist im Ruhestand und erwartet eine Lieferung Schaufeln, die er vergolden möchte, Ben und Jerry Horne debattieren über die Mütze ihrer Mutter, Lucy, Andy und Hawk arbeiten immer noch in der Polizeistation. Sheriff Harry Truman ist sehr krank geworden und wurde durch dessen Bruder Frank ersetzt. Und die Jugend ist so verdorben wie eh und je. Aber was ist mit Dale Cooper? Nun, der sitzt tatsächlich seit 25 Jahren in der schwarzen Hütte fest und kann nicht raus. Wie gewohnt uneindeutig durchstreift er die Räume aus roten Vorhängen und Zickzackmuster-Bodenbelägen. Er sieht Leland in einem Sessel sitzen, trifft sich mit Laura Palmer, die Ihr Gesicht abnimmt und verschwindet und stellt fest, dass jener tanzende Zwerg von einst nun zu einem kleinen Baum geworden ist, in dessen Geäst ein brabbelndes Stück Fleisch hängt. Vom einarmigen Mike erfährt Dale, dass er den Ort erst verlassen kann, wenn sein Schattenselbst in die Hütte zurückkehrt. Doch leichter gesagt als getan.

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Denn dieser Doppelgänger Coopers verfolgt eigene Pläne, die lange Zeit (eigentlich bis zum Schluß) im Dunkeln bleiben sollen. Er hängt mit zwielichtigen Gestalten herum, schlägt und tötet wen er will und wann er will und ist einfach rundum ein richtiger Badass. Als Cooper sich seinen Weg aus der schwarzen Hütte zu bahnen versucht, durch eigenwillige niegesehene surreale Orte stolpert, Ronette Pulaski und eine geheimnisvolle stumme Frau ohne Augen trifft, gelingt ihm scheinbar die Flucht. Er materialisiert sich aus einer Steckdose in LAS VEGAS und steckt nun im Leben des Versicherungsmaklers Douglas Jones, der gerade zwei „Ritte“ mit der Prostituierten Jade hinter sich gebracht hatte. Douglas (eine feiste Version Kyle MacLachlans) landet in der schwarzen Hütte, wohingegen alle Cooper für jenen Dougie Jones halten. Warum Cooper diesen Irrtum nicht klarstellt? Nun, er leidet folglich an einer posttraumatischen Störung. Er kann nur Worte nachsprechen, bewegt sich wie ein alter Mann und ist einfach nicht bei Sinnen, auch wenn hin und wieder seine eigentliche Persönlichkeit leise hervorzublitzen scheint.

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Parallel zu diesen Ereignissen aktiviert Mister C seinen Helferich Duncan Todd, der nun alles daran setzen soll, jenen neuen Dougie Jones aus dem Verkehr zu ziehen. Ein langer und beschwerlicher Weg steht Cooper nun bevor, seinen Weg in die Kleinstadt zurückzufinden.

Im Grunde ist es schwierig bei dieser neuen Staffel irgendetwas chronologisch zu erzählen. Vieles passiert parallel. Mancher kursierender Theorie zufolge sogar ganze Folgen. Ja bei einigen Handlungssträngen ist nicht einmal klar, wann sie eigentlich passieren oder in welchem größeren Kontext sie zueinander stehen.

Warum ich mich entschied erst nach der Serie etwas zu Inhalt und Form zu schreiben hat folgenden Grund: Genau wie die Serie einst vor 25 Jahren neue Konventionen definierte. Und auch wenn sich viele Serien heute dahin entwickelten, dem erzählerischen Standard der ersten zwei Staffeln ebenbürtig zu sein, hat man sich nicht dazu entschieden, die dritte Staffel von „Twin Peaks“ einfach genauso locker flockig weiterzuerzählen wie einst.

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Stattdessen entschieden sich Mark Frost und David Lynch, die kreativen Köpfe hinter der Serie, dazu, alles bisher Dagewesene auf den Kopf zu stellen und mit jeder Zuschauererwartung zu brechen.

Da wäre erst einmal das Tempo der Serie. Quälend langsam plätschern die meisten Szenen scheinbar irrelevant vor sich hin. 20 Minuten am Schreibtisch auf Unterlagen herumkritzeln, 10 Minuten lang Schaufeln golden besprühen, 10 Minuten wortloses Betrachten eines Glaskastens, 10 Minuten wortloses Ausfegen des Roadhouses, 10 Minuten Impression eines Atompilzes… Immer wieder begegnen uns Szenen, die das Tempo der Serie völlig ausbremsen und das Ganze vergleichbar macht mit den Zeitlupenaufnahmen aus Lars von Triers „Melancholia“ oder jenen Szenen vom Beginn der zweiten Twin Peaks Staffel, als Cooper hilflos angeschossen auf dem Boden liegt, allerdings auf nahezu 18 Stunden Serie ausgewalzt. Und trotzdem schaffen es Lynch und Frost, durch unerklärliche aus dem Kontext gerissene Szenen zu faszinieren und eine ganz neue Form von Spannung zu erzeugen. Man muss sich nur drauf einlassen können.

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Und das ist allerdings die größte Hürde, selbst für hartgesottene Fans der ersten Stunde wie mich. Natürlich gibt es auch jene, die ohne zu hinterfragen nach jeder Folge in Begeisterungsstürme ausbrachen. Bei mir war das allerdings nicht so. Durch diese quälende Langsamkeit entstand oft ein Gefühl der Wut bei mir. Zu Anfang erschienen mir 18 angekündigte Folgen unglaublich viel. Als ich aber die ersten vier Folgen am Stück hinter mir hatte, hatte ich das Gefühl, dass man in dem Tempo einfach nicht zu Potte kommen wird, das Ganze zufriedenstellend abzuschließen. Das größte Problem sind die eigenen Erwartungen. 22 Jahre hat man wie bekloppt gehofft, dass es irgendwann weitergehen wird. Als in den letzten 3 Jahren bekannt wurde, dass eine Fortsetzung folgt, malte ich mir persönlich aus, wie es wohl weitergehen könnte. Aber „More of the same“ ist es einfach nicht. Vorbei ist es mit Tempo, vorbei ist es mit pausenloser musikalischer Untermalung und vorbei ist es auch mit den spannenden Cliffhangern am Ende jeder Folge. Stattdessen bestehen 90% der Abspänne aus dem Auftritt mal mehr und mal weniger bekannter Musiker im Roadhouse. Wenn der Auftritt nicht am Ende erfolgt, dann manchmal mittendrin.

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Auch ein großes Problem beim ersten unvorbereiteten Sehen, ist das knappe Anreissen und teilweise sogar Ignorieren der Schicksale der liebgewonnenen bekannten Charaktere, aber den stetigen Anreissen neuer Mysterien, die allesamt nicht erklärt werden. Beispiellos ist sicherlich Folge 8 mit dem Titel „Gotta Light“, die bis auf die erste Szene auf den ersten Blick wenig mit allem bisherigem und allem noch folgendem zu tun hat, in den 1950ern spielt und eher einem durchgeschepperten Kurzfilm auf Arte ähnelt, als dem, was man von „Twin Peaks“ erwarten würde. Mir persönlich wäre es besser damit gegangen, vorab zu wissen, wie die dritte Staffel funktioniert, was ich zu erwarten habe und was ich besser nicht erwarten sollte. Auch hätte es mich nicht gestört, vorab das Ende zu erfahren. Um die Ausstrahlung von Folge 14 herum wurden beispielsweise in Russland knappe Beschreibungen der letzten 4 Folgen gepostet. Ich habe sie ohne zu zögern gelesen, um zu ahnen, was mich erwartet, während andere Puristen und Spoiler-Pussys Panik schoben, aus Versehen irgendetwas darüber zu erfahren. So unterschiedlich kann es sein.

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Was ich vorab gerne gewusst hätte wären folgende Aspekte:

Ich hätte gerne vorab gewusst, wann Cooper endlich aus dem katatonischen Zustand namens Dougie Jones herauskommt. Antwort: In Folge 16 erst.

Ich hätte gerne gewusst, ob die neu angerissenen Mysterien der Serie zum Schluß in einem Mindfuck-Ende a la M.Night Shyamalan aufgelöst werden. Antwort: Werden sie glücklicherweise nicht.

Ich hätte gerne gewusst, ob Audrey und Cooper wieder zusammentreffen. Antwort: Nein. Audreys Handlungsstrang ist völlig losgelöst von allem anderen, was in der Serie passiert. Es gibt praktisch keinerlei Interaktion mit Ihr und irgendeiner anderen altbekannten Figur der Serie.

Ich hätte gerne gewusst, ob die Charaktere, die man im letzten Trailer sah irgendwie handlungsrelevant sein würden. Antwort: Alle neuen Gesichter aus dem letzten Trailer wurden innerhalb der ersten zwei Folgen völlig verheizt. Es handelte sich nicht um neue Handlungsträger.

Und ich hätte gerne vorab gewusst, ob die Serie eindeutig oder uneindeutig endet. Antwort: Natürlich uneindeutig mit Cliffhanger

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Viele wollten vorab nichts wissen und lobhudelten mal mehr mal weniger unreflektiert jede neue Folge. Ich persönlich konnte das nur zum Teil, weil ich all jene Erwartungen und Unsicherheiten hatte. Hätte ich vorab jene Antworten auf diese Fragen gewusst, hätte ich mich viel mehr auf die unzähligen Qualitäten dieser unheimlich guten und dichten dritten Staffel konzentrieren können. Wie David Lynch vorab sagte, hat er eigentlich keine Serie, sondern einen einziegen 18stündigen Film produziert. Dieses Statement kann ich voll und ganz unterschreiben. Die Staffel hätte auch als einzelner dreistündiger und flotter erzählter Film funktionieren können. Die Auswalzung auf 18 Folgen führte eben zu der erwähnten Langsamkeit der einzelnen Szenen.

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Ich stand mir beim bedingungslosen Genuss praktisch selbst im Weg, die dritte Staffel zu 100% so geniessen zu können, wie ich es vorab vorhatte. Das heisst im Klartext: Ich habe es die letzten 2 Wochen sacken lassen und werde die 18 Folgen demnächst dicht beieinander schauen und mich ganz auf die Qualität besinnen. In den nächsten Artikeln zum Thema erwarten Euch demnach Beantwortete alte Fragen, neue offene Fragen, Umgang mit Theorien zum Gesamtverständnis und vielleicht auch eine Vorstellung der Handlungsstränge im Einzelnen. Ein Artikel ist viel zu wenig, um dieser dritten Staffel gerecht zu werden. Alleine meine Gedanken dazu könnten ein dickes Buch füllen. Darum freut Euch auf weitere Gedankenergüsse von mir zum Thema hier auf Flimmervielfalt.

Part 18

 

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Ein Gedanke zu „Und endlich… Erste Eindrücke von „Twin Peaks – The Return“

  1. „Und ich hätte gerne vorab gewusst, ob die Serie eindeutig oder uneindeutig endet. Antwort: Natürlich uneindeutig mit Cliffhanger“
    Meiner liebsten Interpretation zufolge ist es keiner, aber dazu schreibe ich später selbst noch was.

    Wir hatten ja mal über Frosts Beitrag zur Serie diskutiert. Wenn du den Thread noch nicht kennen solltest: http://www.dugpa.com/forum/viewtopic.php?f=29&t=3851
    Ist ganz interessante Spekulation.

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