Genre-Vielfalt oder Genre-Wahnsinn?

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Vor noch 50 Jahren, waren Filmgenres überschaubar und klar definiert. Ein Krimi war ein Krimi, ein Western ein Western, ein Science-Fiction-Film auch, eine Komödie ebenfalls…vielleicht gab es noch Ausflüge in den Bereich des Thrillers und des Gruselfilms. Doch mit den Jahren hat sich nicht nur die Menge an Filmen gesteigert, nein, mittlerweile werden die Archetypen der Filmgenres klarer spezifiziert. Lasst mich heute einen Ausflug in die wahnsinnig unübersichtliche Welt der Genre-Vielfalt unternehmen und herausfinden, was es mit dem Phänomen auf sich hat.

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Bestes Beispiel ist die Geek-Kultur des japanischen Zeichentrickfilms und ihre Anforderungen. Schaue ich durch einschlägige Foren hindurch, finde ich den wachsenden Wunsch nach Empfehlungen. Manch einer nennt konkrete Titel zum Vergleich, andere nennen jedoch „Genres“, vor denen Filmexperten, die sich nicht in diesem Fach bewegen, mit Fragezeichen in den Augen dastehen. Da möchte beispielsweise jemand eine japanische Zeichentrickserie sehen, deren Genre „Fighting Shonen gepaart mit Survival und Ecchi und einer Yandere als Hauptdarstellerin“ sein soll. Begrifflichkeiten die selbst innerhalb der Anime-Szene nicht zu jedermans Grundwortschatz gehören, sondern sich eher im Laufe der letzten 20 Jahre herauskristallisierten. Warum aber diese Spezifizierung? Ist das überhaupt als Genre zu titulieren, was der Fragesteller dort sehen möchte? Um es von meiner Seite aus kurz zu machen: Ich denke nicht. Was ich als bodenständiger Filmanalytiker ganz klar erkennen kann, ist dass mit der Bezeichnung „Genre“ in diesem Fall ein Missbrauch betrieben wird.

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Harte direkte Worte? Von mir müsstet Ihr es gewöhnt sein. Was meint denn das Wort „Filmgenre“ überhaupt? Das französische Wort „Genre“ bedeutet nichts anderes als „Gattung“ oder „Klassifikation“. Schauen wir auf die Tierwelt, so gibt aus auch klar erkennbare Hauptgattungen. Hund, Katze, Lurch, Pferd….ihr wisst schon, was ich meine. Und natürlich gibt es Untergattungen, Mischformen und Rassen der jeweiligen Hauptgattung. Das selbe lässt sich auch bezogen auf den Film und sein jeweiliges Genre ermitteln. Es gibt Subgenres, den Genre-Mix oder Zwischenformen. Beispielsweise könnte man per Definition einen „Thriller“ als eine Zwischenform des Horrorfilms und des Krimis einstufen. Und der Roadmovie kann eine Reise im einen als lustig dargestellt sein, in anderen Beispielen aber total dramatisch sein. Manche Film-Epochen werden auch erst rückblickend zu einem Genre zusammengefasst, wie etwa der Film Noir mit den Werken der „schwarzen Serie“.

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Manche Genres haben eine Hochkultur in bestimmten Jahrzehnten erlebt und verlieren irgendwann aber an Relevanz. In den 40er Jahren etwa der Musical-Film, der deutsche Heimatfilm der 50er, der Western der 60er, die Novelle Vague der 70er, der Action-Film der 80er, die Komödie der 90er…und heute? Da befinden wir uns in einer Zeit in der das Blockbuster-Kino durch den Superhelden-Film an Stärke gewonnen hat.Es gibt filmische Experimente, die allerdings dazu führen, dass mehrere Regisseure sich einer bestimmten Tonart oder einem Trend anschließen. Ein Film wie „American Beauty“ ist sicherlich so ein Beispiel. Hätte man früher so einen Film als „Tragi-Komödie“ eingestuft, so ist aber durch den wachsenden Anspruch von TV-Produktionen zunehmend der neue Begriff „Dramedy“ entstanden. Die Grenze zur Tragi-Komödie ist hierbei sicherlich fließend, wobei ich persönlich einschätzen würde, dass der Anteil der gesellschaftlichen Satire innerhalb der „Dramedy“ stärker gewichtet ist.

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Ich möchte sogar noch weitergehen. Filmgenres und ihre Definition haben sich im Laufe der Jahre zunehmend verändert. Zum Beispiel ein Horrorfilm war bis zu den frühen 60er Jahren meistens ein Film, der mit einem Monster aufwartete. Ein Unsichtbarer, Frankensteins Monster, eine Mumie, ein Werwolf, eine schleimartige Substanz, Vampire, Tiere oder eine autonome Pflanze. In den 60er Jahren hat das Genre des Horrorfilms jedoch klare Veränderungen durchlebt. Durch Alfred Hitchcocks „Psycho“ wurde ein frühes Beispiel für das Monster im Menschen bedingt durch psychische Erkrankung geliefert. George A.Romero lieferte mit „Night of the Living Dead“ die Steilvorlage für die Grundpfeiler dessen, was wir heute als Horror Sub-Genre Zombie-Film verstehen.

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Es gab natürlich schon zuvor Filme mit diesen Themen, jedoch waren „Psycho“ und „Night of the Living Dead“ mit Sicherheit Initialzündungen, die den Stein ins Rollen brachten. Dieser führte sicherlich dazu, dass das Genre des Horrorfilms heute zu geschätzten 80% mit diesen beiden Themen angereichert sind, wohingegen die übrigen 20% Filmmonster oder Spukgeschichten ausmachen. Interessanterweise wurde der japanische Film-Klassiker „Godzilla“ in seiner Anfangszeit auch noch als Versuch eines Horrorfilms gewertet, wohingegen durch die steigende Popularität und den folgenden Fortsetzungscharakter der Filme und zunehmende Albernheiten und Familienfreundlichkeit dazu führten, dass Film-Kenner heute wissen, dass es sich um ein eigenständiges Film-Genre handelt, auf die Asiaten und vor allem das Monopol besitzen: „Kaiju Eiga“.

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Der Science Fiction-Film hat sich im Laufe der Jahrzehnte auch stark gewandelt. Wurden in seiner Anfangszeit hauptsächlich Utopien und Forschergeist beworben, wurde er im Amerika zur Zeit des kalten Krieges zu einem Instrument der Invasions-Propaganda. Ausnahmen wie „2001 – Odysee im Weltraum“ oder die Um-die-Ecke-Ideen der Ostblock-Science Fiction möchte ich nicht unter den Teppich kehren. Die waren jedoch im Blockbuster-Kino eine Seltenheit. Seine für mich schönsten Jahre hatte die Science Fiction allerdings in den 90er Jahren auf dem TV-Bildschirm. Die Menschheit im Fokus, einige Jahre in der Zukunft in diplomatischer Korrespondenz mit humanoiden Aliens, die uns zwar technisch aber nicht zwingen sozial überlegen waren. Culture Clashing im Weltall. Was war es schön. Doch mittlerweile haben Science Fiction-Filme und -Serien eine erneute Wandlung vollzogen. Zunehmende wissenschaftliche Abklärung haben das Genre vertrocknen lassen, wodurch wir heute zwar mindestens jedes Jahr einen Oscar-prämierten Science Fiction-Film im Kino erleben dürfen, der Fokus heutzutage aber eben eher auf trockener Social-Fiction, als auf Science Fiction liegt. Und über den Wandel vom patriotischen Kriegsfilm der Nachkriegszeit (klingt paradox ist aber so) zum Antikriegsfilm will ich gar nicht erst anfangen.

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Ich möchte noch einmal zu den Japanern zurückkehren. Damit lässt sich vielleicht nochmal auf die Ausgangslage dieses Artikels zurückschwenken. Japan hat ein ganz eigenes kulturelles Verständnis von Film. Geprägt durch die Theaterkultur des Landes lässt sich insbesondere bei japanischen Filmen ein Hang zu Überdramatisierung und Overacting der Schauspieler beobachten. Je dramatischer jemand sein Ableben darstellt, desto beeindruckter ist der japanische Zuschauer, wohingegen der westliche Zuschauer verwundert den Kopf schüttelt. Ja, es werden gar Trailer westlicher Filme für das japanische Publikum so umgeschnitten, dass sie mit ihrer dramatischen Komponente werben. Die japanischen Trailer zu „Moulin Rouge“ oder „Titanic“ verraten beide bereits, dass die Hauptdarsteller das Ende der Geschichte nicht überleben werden.

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Die japanische Zeichentrick-Kultur hingegen ist gar nicht so alt, wie man anhand der heutigen Material-Fülle glauben mag. Während Argentinien überraschenderweise mit den ältesten Zeichentrick-Produktionen der Welt aufwartet, waren die Versuche Japans zur Anfangszeit des Films als Handwerk eher verhalten. Natürlich gibt es frühe Beispiele für Filme wie „Hakujaden“, „Saiyuki“ oder den durch Metro Goldwyn Mayer im Westen sehr populär gewordenen „Magic Boy“. Trotz ihrer erzählerischen Dichte, den liebevoll gestalteten Charakteren und beeindruckenden Bilder sind diese Filme heutigem Verständnis nach nur noch schwer mit dem vergleichbar, was kurze Zeit später als „Anime“ definiert werden sollte. Osamu Tezuka (über dessen Frühwerk es auch auf dieser Seite etwas nachzulesen gibt) hat mit seinem Anspruch eine Comic-Novelle zu schreiben die Welt des japanischen Comics revolutioniert. Natürlich gab es den „Manga“ schon zuvor in der Kunst als Bildrolle oder als Zeitungsstrip. Doch was für Dr.Tezuka anfangs nur ein Experiment war, sollte einschlagen wie eine Bombe.

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Man kann sagen, dass Osamu Tezukas Werk in Comic- als auch in Zeichentrick-Form zwischen 1948 bis Mitte der 70er dominierte. Dazu zählen auch seine unzähligen Assistenten, die er ausbildete und die später eigenständige Comic-Zeichner werden sollten, deren Assistenten widerum auch eigene Wege einschlagen sollten.Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass alles was wir heute als Anime und Manga kennen auf Osamu Tezuka und das von ihm angestossene „Assistenten-Schneeball-System“ zurückzuführen ist, dass sich fast wie eine eigenständige Religionskultur ausbreitete. Und was aber jetzt ganz entscheidend zum Thema „Genre-Vielfalt“ beiträgt, ist wie ich eingangs erwähnte das „Experiment“ dass Tezuka mit seinem Erstlingswerk „Shin Takarajima“ einging. Diese Experimentierfreudigkeit ist es, was nicht nur seine Werke auszeichnet, sondern mittlerweile alle wegweisenden Anime und Manga. Ja, es wird ungeheuerlich viel experimentiert mit dem Geschichtenerzählen in Japan. Das lässt sich in allen Medien beobachten. Literatur und Videospiele erzählen im Vergleich zu westlichen Werken fast ausschließlich Werke jenseits des Mainstreams. Wobei man mit dem Wort vorsichtig sein muss, da eine ausschließliche Fokussierung auf japanische Medien doch dazu führt, dass man mehr Paralellen unter den Werken erkennt, als man beim Erstkontakt von vermutet hätte.

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Aber es wird experimentiert und das nicht zu knapp. Und das führt dann letztendlich zu Anfragen wie „Ich würde gerne einen Shojo-Anime sehen, mit Mecha und Psychological Elementen“. Um wieder ganz zum Anfang des Artikels zurückzukehren, sind wir beim Missbrauch von Begrifflichkeiten als Genre-Typen. Ja, die Genre-Vielfalt und die Anzahl der Sub-Genres IST gewachsen. Es reicht meiner Meinung nach aber nicht aus, um übereinstimmende Thementrends aus unterschiedlichen Filmen als Genre zu deklarieren. Schaut man auf Webseiten wie Anisearch.de fällt dort jener Missbrauch des Genres in seiner Bedeutung auf. Keine Sorge, Anisearch ist ne tolle Seite, mit einer tollen Datenbank und einem guten Vorankündigungssystem. Aber übereinstimmende Themen gleich als Genre zu deklarieren ist im Allgemeinen für mich nicht sympathisch, egal aus welcher Richtung es kommt. Der Trend, sich selbst solche angeblichen Klassifizierungen auszudenken mundet mir nicht. Ich finde, es schafft mehr Verwirrung als Klarheit im allgemeinen Filmspektrum. Vor allem möchte ich auch von einem Film aus welchem Genre auch immer überrascht werden. Das werde ich aber zunehmend weniger, je mehr ich den Inhalt des Films spezifizieren werde. In dem Sinne jetzt nen schönen Western!

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