Escape from Tomorrow – Der Versuch einer Interpretation…

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Vor einem Monat vorbestellt und dann wieder vergessen, fand ich gestern in meinem Briefkasten eine BluRay vor. Ein Film namens „Escape from Tomorrow“, dessen Trailer mich vor eben jenem Monat verzaubert hat. Das Besondere an dem Film: Er ist fast vollständig in Disney World gedreht worden…und er ist keine Dokumentation, sondern vielmehr surreales kafkaeskes Kino über einen Mann, der am Scheideweg steht…

es1Auf 15 Hektar Land erstreckt sich in Orange County im Staate Florida das Gelände vom Walt Disney World Resort seit dem Jahr 1971. Ein selbsternanntes Utopia und Freizeitparadies für Freunde des heilen Disney-Universums. Ein Wallfahrtsort für Kinder. Auch Jim White hatte als Kind mit seinem Vater diesen angeblich „glücklichsten Ort auf Erden“ besucht, doch ist er jetzt selbst Vater von zwei Kindern und Ehemann einer ständig nörgelnden, überbehütenden Ehefrau. Als er am letzten Tag seines Aufenthalts telefonisch von seinem Boss erfährt, dass er gekündigt wird, nimmt das Unheil des Films seinen Lauf…

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Denn während des Besuchs eines Fahrgeschäfts beginnt Jim von unheimlichen Visionen heimgesucht zu werden. Die Gesichter der Disneyschen Figuren verzerren sich zu bösen Fratzen, seine Frau beginnt ihn zu beschimpfen und die Augen seines Sohnes beginnen sich dunkel zu verfärben. Doch die Vision bleibt eine solche, denn von alledem hat der Rest der Familie auf Nachfrage offenbar nichts mitbekommen. Doch die Ereignisse überschlagen sich weiter. Jim beginnt mit Söhnchen sowie Tochter im Schlepptau ungeniert zwei minderjährigen Französinnen nachzustellen und sexuelle Fantasien zu entwickeln. Auf Nachfrage seines Sohnes, ob er die beiden hübsch findet, weicht er aus. Offenbar aus Angst vor dessen Neugier nötigt Jim ihn zu einer Fahrt im Space Mountain, woraufhin sein Sohn von der Mutter ins Hotel mitgenommen wird und Jim seine Odyssee durch den Freizeitpark mit dem Töchterchen aufnimmt.

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Als diese sich das Knie aufschürft muss sie von einer örtlichen Ambulanz verarztet werden. Bei dieser Gelegenheit erfährt Jim nebenbei, dass offenbar gerade eine Epidemie von Katzengrippe im Freizeitpark grassiert, während er jedoch nichts besseres zu tun hat, als der Schwester in den Ausschnitt zu gucken. Kurz darauf trifft Jim auf einem Spielplatz eine Mutter mit ihrem Sohn, die ihm lüstern eröffnet, dass der eben gekaufte Truthahn-Schenkel eigentlich der eines Emus sei und dass im Disney World Resort einiges anders sei, als es den Anschein habe. Beispielsweise seien die Walking Acts der Disney-Prinzessinen eigentlich Edelprostituierte, die vor allem asiatische Kunden an Land ziehen sollen. Schnitt! Jim weiss nicht wie, aber er ist gefesselt mit der fremden Mutter im Bett gelandet und wird von ihr tüchtig zugeritten, während sein Töchterchen im Nebenraum mit dem Jungen debil tanzende Menschen auf dem Laptop betrachtet.

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Er verkrümelt sich schnell, trifft wieder mit Ehefrau und Sohn zusammen und beginnt sich zu amüsieren, zu besaufen und nicht zu verstehen, warum seine Ehefrau ihm gegenüber plötzlich abweisend ist. Schliesslich kommt es zwischen beiden kurz vor dem allabendlichen Feuerwerk zum Eklat! Der gemeinsame Sohn hat der Mutter erzählt, dass Papa den beiden Französinnen nachgestarrt habe und sie habe diese Beobachtung überprüft, als Jim im Swimmingpool den beiden nachgeiferte. Ebenso ist äusserst empört, dass Jim sie vor seinem Sohn mit der amerikanischen Volksdichterin Emily Dickinson verglichen habe. Die Situation eskaliert weiter, als Ehefrau ihrer Tochter eine Backpfeife verpasst und Jim mit dieser in das Fahrgeschäft Spaceship Earth flüchtet. Doch kurz nach der Fahrt verschwindet das Töchterchen und Jim landet im Keller der Attraktion wo ihm ein Androide einen Helm anlegt und sein Gehirn scannt. Auf einem Bildschirm zeigt er Bilder von Jim in anderer Kleidung mit einer anderen Frau und bezeichnet diesen Mann als den „echten Jim“. Mit Hilfe einer Wundheilsalbe, die er für seinen verwundeten Zeh bei sich führte gelingt Jim die Flucht aus der Attraktion. Sein Töchterchen findet er unterdessen in der Gewalt der Frau mit der er nachmittags geschlafen hatte, als Hexe verkleidet und ein Schneewittchen-Reenactment inszenierend.

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Die Frau eröffnet Jim auch einst eine Prinzessin gewesen zu sein, aber bedingt durch ihr Alter könne sie nur noch als Hexe inszeniert werden. Jim nimmt seine Tochter wieder in Gewahrsahm und sieht kurz darauf die beiden Französinnen wieder, von denen ihm eine ins Gesicht rotzt. Zurück im Hotel zeigen sich bei Jim Symptome der Katzengrippe, er beginnt sich vorne und hinten zu entleeren und Haarbüschel auszuspeien. Am nächsten Morgen wird Jim tot mit einem katzenartigen Grinsen im Gesicht auf der Toilette von seiner Frau aufgefunden und vom Personal entsorgt. Nur um kurz darauf in anderer Bekleidung mit jener anderen Frau den Park wieder zu betreten…

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Soviel zur Handlung. „Escape from Tomorrow“ ist ein extreeeem schwierig einzuordnender und teilweise zermürbender Film. Bevor ich die Handlung zu anaysieren versuche, muss ich wohl ein wenig über die Entstehung erzählen. Wie gesagt wurde der Film heimlich im Disney World Resort gedreht. Schriftzüge der Poster und eben jenes Setting können als klare Provokation an die Disney Company verstanden werden, einen Rechtsstreit vom Zaum brechen zu wollen. Offenbar wurde seitens Disney nicht auf diese Provokation eingegangen und man beschloss sich souverän die Existenz dieses Films zu ignorieren. Eine kluge Entscheidung. Tatsächlich handelt es sich beim Setting Disney World meiner Meinung nach um reine Makulatur. Der Film hätte seine Handlung ebensogut in einem NoName-Freizeitpark oder sonstigem Ferienort spielen können. Die Geschichte die der Film erzählen möchte, verstehe ich vor allem im Titel zu entschlüsseln: „Flucht vor Morgen“. es7

Der Film thematisiert einerseits Zukunftsängste, als auch Selbstreflexion über die sich entwickelnde Wahrnehmung eines Menschen. Jim steht an einem Scheideweg. Als Kind hatte er das Disney World Resort mit anderen Augen gesehen, die Prinzessinen idealisiert und die Hexen verteufelt. Übertragen auf sein eigenes Leben stellt er jedoch fest, dass er selbst nun nicht mit einer Prinzessin zusammenlebt, denn schliesslich sind alle schönen Prinzessinen dieser Welt in Wahrheit Edelprostituierte und die Frau mit der er zusammenlebt eine Hexe. Jim hätte wahrlich lieber ein anderes Leben an der Seite einer anderen Frau. Er hätte lieber andere Entscheidungen getroffen, die er nun nicht mehr revidieren kann. Sein Verlangen nach der unschuldigen Jugend spiegelt sich im Nachstellen der beiden Französinnen wieder. Denn das was Jim hat, ist im Grunde genommen nicht das was er will. Das was er gerne hätte und wäre, ist der „wahre Jim“, der ihm im Spaceship Earth gezeigt wird. Ein unabhängiger, kinderloser Mann mit einer temperamentvollen Latina an seiner Seite. Ein wesentlicher Faktor des Film ist zudem die Entwicklungsstufe von Jims Sohn. Er sperrt Jim auf dem Balkon aus, er verrät ihn an seine Mutter, ja er ignoriert sogar Jims Zusammenbruch auf der Toilette, als dieser an der Katzengrippe erkrankt ist.

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Darin spiegelt sich meiner Meinung nach der klassische ödipale Konflikt wieder: Liebe zur Mutter / Hass auf den Vater. Dies ist im Grunde genommen ein seitlicher Handlungsstrang des Films, verdeutlicht aber, warum Jim sich in seiner Haut dermaßen unwohl fühlt. Jims Vision, eine andere Frau körperlich zu lieben, geht sogar so weit, dass ich persönlich glaube, dass die „Hexe“ von der er gefesselt wurde und mit der er schlief eigentlich seine Frau in ihrer verbildlichten Rolle war. Sie ist herrisch, sie ist einnehmend, sie ist fesselnd, sie war vielleicht mal eine Prinzessin, jetzt ist sie aber eine Hexe. Bildlich gesehen ist sie somit ein Symbol für seine Frau, wie sie im Film dargestellt wurde. Das Ende des Films und der Tod des Hauptdarstellers, verendend an der Katzengrippe, schlägt meiner Ansicht nach zu Disneys Grinsekatze aus dem Film „Alice im Wunderland“. Denn genau wie Alice tappt auch der Zuschauer gemeinsam mit Jim durch das Wunderland des Films und bekommt von Jim Rätsel aufgegeben, die nach Nonsens aussehen, aber möglicherweise einen unterbewusst erfassbaren Kern beinhalten.

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Ein Handlungsaspekt, den ich noch nicht erwähnt habe, ist ein öfter auftauchender Mann im Rollstuhl, dessen Sohn (?) Jims Tochter so stark geschubst hat, dass sie sich am Knie verletzte. Dieser Mann im Rollstuhl betrachtet Jims Tochter auf eine unangenehme Art und Weise und spricht ihn sogar später im Verlauf des Films auf sie an. Letztendlich führt das Ganze so weit, dass Jim diesem Mann bei dem Feuerwerk an die Gurgel geht, weil er vermutet, er habe seine Tochter entführt. Diese Tat wirkt auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbar, denn offenbar haben der Mann im Rollstuhl mehr gemeinsam als es auf den ersten Blick scheint. Der Mann im Rollstuhl ist körperlich gefesselt und eingeschränkt, während Jim von seiner Beziehung gefesselt und eingeschränkt ist. Der Mann im Rollstuhl stellt Jims Tochter, einem minderjährigen Mädchen nach, wobei Jim ja den ebenfalls minderjährigen Französinnen nachstellt. Ich glaube, das der Mann im Rollstuhl eine Verbildlichung Jims eigener Ängste und Schwächen darstellt, genau wie die „Hexe“ eine Verbildlichung seiner Frau dargestellt hat. Jim erkennt in dem Mann im Rollstuhl viele Aspekte seiner selbst, die er an sich selbst hasst, hat Wut auf sich selbst und geht dem Mann genauso unverblümt an die Gurgel, wie er sich selbst gerne an die Gurgel gehen würde.

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Der Film spielt mit Spiegelbildern der Hauptdarsteller, idealisiert oder aber auch ins Abstossende verkehrt. Und über Allem trohnt die Frage, ob hinter den präsentierten Wahrheiten nicht eigentlich Bösartigkeiten stecken. Sie prostituierende Prinzessinen, sich verzerrende Fratzen, Gehirnwäsche im Fahrgeschäft, Übertragung von ansteckenden Krankheiten und die Deklarierung von Emu-Fleisch als Truthahn.

Handwerklich ist der Film vollständig in Schwarz-weiss gedreht, hat einen einprägsamen Soundtrack und überzeugende Newcomer-Darsteller; kein Wunder, da bekannte Darsteller sicherlich für einen heimlich gedrehten Spielfilm alles andere als von Vorteil gewesen wären. Die Hauptperson Jim White wird gekonnt vom mir bisher unbekannten Darsteller Roy Abramsohn gespielt, der wie ein verwahrloster, speckiger Tom Cruise daherkommt.

es11Er frisst, er säuft, er spannert, er ist seinen Kindern kein Vorbild. Und dennoch spielt er die Rolle in ihren Facetten unglaublich vielseitig. Kommen wir zum Schlusswort. Der Trailer des Films verspricht mehr Skandalhaftigkeit, als im Film vorhanden ist. Anhand des Trailers sieht er aus wie ein Thriller, bei dem der Disneyschen Mythologie etwas Fassadenhaftes angehängt werden soll. Doch dieser Eindruck verpufft spätestens ab dem ersten Viertel des Films. Ganz das ist die Idee nicht geworden, obwohl Jung-Regisseur Randy Moore sich wirklich mit Hilfe der Werbekampagne und den provokativen Postern sehr ins Zeug gelegt hat, diesen Eindruck zu erzeugen. Genau das haben wohl auch die meisten Zuschauer erwartet und mit Sicherheit nicht den Film bekommen, den sie eigentlich hätten sehen wollen.

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Und genau das, inklusive des Ignorierens seitens Disney, ist wohl der Punkt, warum der Film trotz Auszeichnung auf dem Sundance-Festival bei der IMDB oder den Rotten Tomatoes eher verhaltene und durchschnittliche Wertungen bekommen hat. Zugegeben, ich habe auch einen etwas anderen Film erwartet, aber wurde durch seine inhaltliche und visuelle Vielschichtkeit sehr in den Bann gezogen. Ich glaube, dass es ein Film ist, der mit den Jahren sicherlich noch Beachtung und Publikum findet und sicherlich einst den Status Kultfilm erlangen kann. Ich erhebe auch auf meine Interpretation keinerlei Allgemeingültigkeit, weil ich glaube, dass der Film sehr unterschiedlich verstanden werden kann. Ich jedenfalls hatte fast das Bedürfnis nach dem ersten Schauen den Film direkt nochmal zu schauen, was bei mir nur sehr wenige Filme erzeugen. Daher würde ich sagen, ist der Film jedenfalls einen analytischen Blick wert.

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