Animationsfilme aus der Retorte – CGI auf dem Prüfstand

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Ich weiss, ich hatte vor 2 Jahren in einem meiner ersten Artikel bereits das Thema „CGI versus Zeichentrick“ schon mal aufgegriffen. Heute jedoch möchte ich das Thema noch mal von einer anderen Seite beleuchten, nämlich aus Sicht des Konsumenten und Freundes von Animationsfilmen. Denn obwohl ich den Animationsfilm liebe, möchte ich heute nun mal erläutern, warum ich den reinen CGI-Film verabscheue….

2d1Computer-Generated Imagery (CGI) ist der englische Fachausdruck für Computeranimationen innerhalb von Filmen.

„Was ist nur los mit ihm?“ wird sich der eine oder andere fragen. Sagen wir es so, ich war bezogen auf Medien schon immer recht konservativ, wenn es um neue Innovationen ging. Als Grafik-Adventure-Fan der ersten Stunde ist es nicht verwunderlich, dass „Maniac Mansion“ von Lucasfilm Games eines meiner absolut liebsten Videospielerlebnisse auf dem C64 darstellte. Als die Spielezeitschriften Höchstnoten für den Nachfolger „Day of the Tentacle“ vergaben, hatte ich anhand der Screenshots nur Abscheu und Ablehnung übrig, denn der Stil wurde in eine Cartoon-Ästhetik übertragen, die ich als Fan des ersten Teils nicht akzeptieren konnte und wollte. Wohlgemerkt war hier noch lange nicht von Grafik-Adventures in 3D die Rede. Aber seien wir mal bezogen auf die Videospiele und den grafischen Sprung von 2D zu 3D mal ehrlich: So ziemlich jedes Videospiel in 2D sah visuell beeindruckender und schöner aus, als die ersten Titel die mit Polygonmodellen arbeiteten. Vergleichen wir den Sprung von Final Fantasy VI zu Teil VII. Vergleichen wir ein „Super Mario World“ mit einem „Super Mario 64“. Wie gesagt, da ich schon meine Schwierigkeiten bei der Modernisierung von 2D-Grafik-Adventures hatte, war die allgemeingültige Entscheidung der Videospiel-Industrie Mitte der 90er sich fast vollständig auf 3D-Modelle zu konzentrieren, für mich eine absolute Katastrophe. Ein gutes spielerisches Beispiel der neueren Zeit persifliert das Computerspiel „Evoland“ großartig. 2d2

Und auch wenn ich heute fast 20 Jahre nach dieser Entscheidung meinen Frieden mit Videospielen in einer 3D-Umgebung geschlossen habe, so ist dieser Schritt bezogen auf Animationsfilme für mich nicht möglich. Irgendwer scheint Ende der 90er Jahre entschieden zu haben, das die Animationsfilm-Industrie ihren Schwerpunkt auf reine CGI-Filme verlagern sollte. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Disney Company auf handgezeichnete Animationen auf Cels setzt. Vorbei sind die Zeiten in denen ein Don Bluth noch konkurrenzfähige Gegenprodukte zu Disney ins Leben rief oder Dreamworks uns Meilensteine wie den „Prinz von Ägypten“ beschehrte. Vorbei sind offenbar auch die Zeiten, in denen man dem Zuschauer von Jung bis Alt noch mit Geschichten und Entwicklungen berühren will. Stattdessen ist Disney mittlerweile zu einem Verein mutiert, der sich Pixar schimpft und uns Jahr für Jahr mit austauschbaren Geschichten von bescheuerten und hektischen Tiercharakteren bombardiert. Ja schaut man sich die Riege an erschienenen CGI-Filmen der letzten 15 Jahre an, so wird man sich inhaltlich auch an kaum etwas zurückerinnern, als die darin agierenden Viecher.

Ja es macht gar den Anschein, dass so ziemlich jedes Tier und jedes Vehikel verniedlicht werden muss. Verniedlichte Autos in „Cars“, Verniedlichte Flugzeuge in „Planes“….was ist eigentlich die nächste Konsequenz von Pixar? „Boats“? „Trains“? „Tanks“? „Bombs“?

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Pixar und Co. scheissen einen CGI-Film nach dem anderen heraus, der ebensoschnell vergessen wird, wie er gekommen ist. An einen „König der Löwen“ erinnert sich jeder. Ebenso an ein „Dschungelbuch“ oder ein „Die Schöne und das Biest“. Aber wer weiss heute noch mit Sicherheit wer das Alien und wer das Papagei war: Rango in „Rango“ oder Rio in „Rio“???? Das Bernhard und Bianca oder gar Mrs.Brisby hingegen Mäuse waren, weiss man auch nach fast 50 Jahren noch! Wer weiss heute noch einen erinnerungswürdigen Moment aus einem „Madagaskar“ zu zitieren, genauso wie er einen Balu zitieren kann? Wer kann sich an den Showdown von einem Film namens „Himmel und Huhn“ besser erinnern, als an das beeindruckende Finale vom „Schatzplanet“?

Ihr versteht, worauf ich hinaus will… Die Inhalte und Charaktere von CGI-Filmen sind austauschbar, die Plots sind platt wie Flundern.

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Natürlich hat es schon Versuche gegeben, die Visualisierung der Realität so nah wie möglich zu bringen. Beispiele sind „Final Fantasy – The Spirits within“ oder „Der Polarexpress“, die einem (trotz Flop an den Kinokassen) visuell noch eher im Gedächtnis bleiben als ein „Wall-E“ oder ein „Oben“. Das liegt vor allem an einem Effekt, der sich „Uncanny Valley“ nennt. Unser menschliches Auge möchte keine Illusion der Realität vorgegaukelt bekommen, sondern entweder die tatsächliche Realität (also einen Realfilm) oder eine Abstrahierung und Verniedlichung der Realität (im Animationsfilm) sehen. Der selbe Effekt beschäftigt zu Beispiel auch Ingenieure auf dem Gebiet der Robotik. Je humanoider ein Roboter designed wird, desto größere Abscheu haben Menschen, mit diesem in Kontakt zu treten. Wenn also jemals der Tag kommt, an dem wir es mit nützlichen Haushaltsrobotern zu tun bekommen, dann werden diese mit Sicherheit keine Abbilder der Menschen in Androiden-Form sein, sondern eher vom Detailgrad der Menschlichkeit weitesgehend abweichen. Und genauso ist es ja prinzipiell auch mit dem Animationsfilm. Das kann man auch bereits auf die klassische Cel-Animation beziehen, wie ein Animationsverfahren wie Ralph Bakshis Rotoskopie in „Feuer und Eis“ weniger sympathisch wirkt, als eine Abstrahierung von menschlichen Charakteren wie in „Taran und der Zauberkessel“.

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Im Fall von CGI-Animation jedoch wirkt eine Annäherung an menschliche Charakterzüge hingegen nur bizarr und wird vom menschlichen Auge direkt als Fälschung entlarvt. Daher sind bisherige Versuche in dieser Richtung bisher weniger von Erfolg gekrönt gewesen als die großen CGI-Blockbuster mit ihren entfremdeten Charakteren. Aber ich schweife ein wenig vom Kern ab. Das Hauptproblem das ich sehe, ist dass die großen Animationsfilm-Blockbuster zu 99% nur noch aus CGI-Rotze bestehen, wohingegen 1% von Filmen mit traditioneller Cel-Animation wie „Das Geheimnis von Kells“ oder die Filme des Ghibli-Studios eher schon wie Exoten daherkommen und behandelt werden. Aber kommen wir auf die Erinnerungswürdigkeit, die ich im vorigen Absatz erwähnte zurück, möchte ich sagen, dass ein Film wie „Das wandelnde Schloss“ mit seinen handgezeichneten Charakteren selbst bei einmaligem Anschauen intensiver in Erinnerung bleiben wird, als ein „Ice Age 2“ oder ein „Shrek 3“.

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Kommen wir allerdings nun zum meiner Meinung nach triftigsten Kritikpunkt gegen reine CGI-Filme: Die Überforderung von Auge und Gehirn. Alles was wir sehen, muss unser Gehirn verarbeiten. Je mehr wir sehen, desto mehr muss sich das Gehirn anstrengen, das Gesehene zu erfassen. Da wäre einmal die Bildfrequenzrate eines Films zu bemessen. Durchschnittlich kann man sagen, dass 30 Bilder pro Sekunde vollkommen ausreichend sind, um uns die Illusion von flüssiger Darstellung zu vermitteln. Kinoprojektoren nutzen in der Regel eine Darstellung von 24 Bildern pro Sekunde was bei einigen Menschen dazu führen kann, dass Bewegungen ruckelnd wahrgenommen werden. Nun führt das im Umkehrschluss dazu, dass je höher die Bildfrequenzrate eines Films dargestellt wird, das Gehirn viel mehr Informationen verarbeiten muss. Wie in dem obigen Bild aus dem Film „Merida“ zu sehen ist, kommt aber hinzu, dass innerhalb eines Bildes viel mehr einzelne sich bewegende Details auszumachen sind, als in einem klassischen Zeichentrickfilm oder gar einem Realfilm. Oder kann jemand eine Schauspielerin oder überhaupt einen Menschen nennen, bei dem sich jede Locke einzeln bewegt? 😉 Kurzum: Unabhängig von der Bildfrequenzrate kann unser Gehirn bereits durch diese detailreiche Bewegungsvielfalt in einem CGI-Film vollkommen überlastet werden. Fangen wir gar nicht erst davon an, dass viele dieser Filme zusätzlich mit 3D-Brillen im Kino konsumiert werden. Fangen wir gar nicht davon an, dass Eltern mit ihren Kindern Vorstellungen von CGI-Filmen besuchen und fangen wir erst gar nicht davon an, wie sehr die Wahrnehmung von Kindern durch diese Filme und ihre hektischen Charaktere überfordert wird. Seit wann ist eigentlich eine Zunahme von ADHS-Diagnosen und damit verbundene Ritalin-Therapien zu verzeichnen? Sollte da ein Zusammenhang bestehen? Nein, ICH bin doch sicher nur paranoid. Also DAS führt zu weit! Also DAS kann doch nicht sein, dass eine „Eiskönigin“ dazu führt, dass die Kinder heute am Rad drehen…. der ist doch sooooooooooo schön, dieser ZEICHENTRICKFILM!

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2 Gedanken zu „Animationsfilme aus der Retorte – CGI auf dem Prüfstand

  1. Nicht weinen! ^^“

    In Sachen Austauschbarkeit muss ich widersprechen. Die Filme, die du unter CGI-Animationen aufzählst, sind alle jünger als die typischen Disney-Klassiker. Disney hat seit Mitte/ Ende der 80er immer wieder Krisen gehabt. Inhaltlich gab es fast nur die passive Jungfrau aus irgendwelchen Märchenmotiven, die gerettet wird. Wenn du dann die Geschichten hinterfragst, ist das nicht eher eine Altersfrage bzw. eine Frage der Generationsgeschmäcker?

    Bei „Bernhard & Bianca“, „101 Dalmatiner“ oder „Susi & Strolch“ sind die Geschichten unterschiedlich, aber die Figuren bleiben oft Archetypen. Pixar brachte uns „Toy Story“, „Findet Nemo“, „Wall-E“, „Oben“ und „Merida“, was gar nicht einmal so platt war, mMn. Die jüngeren Zuschauer wuchsen eher damit auf und finden dementsprechend wohl kaum, dass die Figuren austauschbar sind – und hey, was hast du gegen „Rio“?

    Ich glaube auch, dass der Informationsreichtum bei CGI ein Grund für meine Abscheu ist. Klassische Comics und Zeichentrickserien kamen mit wenig Schatten und flächigen Farbauftragungen zurecht. Die 3D-Varianten liegen irgendwie immer dazwischen: Sie sind zu ‚amateurhaft‘ für die Realität und zu schwierig für Zeichnungen. Besonders die Mimik ist dann dezenter als in Zeichnungen, nicht so klar kontrastiert und auf den Punkt gebracht. Ein Lächeln, wie bei Yogi Bear, wirkt dann in CGI nur halb so herzlich.

    Ist die letzte Animation vom Studio Film Bilder?

    • Die letzte Animation ist „Gertie the Dinosaur“ von Winsor McCay. Und wie gesagt, ich bleibe bei meiner Meinung, sonst hätte ich sie nicht kund getan. Reine CGI-Filme sind für mich der letzte Dreck. Was ich gegen Rio habe? Nichts wirksames! Ich wollte mit meinem Vergleich auch nicht sagen, dass ich Disneys Zeichentrickfilme unterschreibe. Im Gegenteil, stimme ich Dir vollkommen zu, dass sie auch bereits gewissen Klischees entsprachen. Wie man hier bei Flimmervielfalt nachlesen kann, schaue und liebe ich ja Zeichentrickfilme jenseits von Disney. Ich fand es nur treffender Pixar und Disney miteinander zu vergleichen, als wenn ich an dieser Stelle Pixar und die Filme von Bakshi verglichen hätte. 😉 – Und was den „Generationsgeschmack“ angeht, halte ich diesen für eine Hypothese, denn Hollywood ist Meinungsmacher und definiert damit auch, was der Geschmack der Generation zu sein hat. Wenn die Pharma-Lobby zudem ihre Hände im Spiel hat und Ritalin an den Mann bringen will, dann ist es umso weniger verwunderlich, warum Pixar unsere Jugend mit dieser hektischen CGI-Kacke verseucht. 😀

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