Osamu Tezukas „Metropolis“

m0Die Metropole der Metropolen spiegelt sich in der träumerischen Vorstellungskraft vieler Autoren wieder. Sei es die Bezeichnung für die einzigartige futuristische Stadt Fritz Langs legendärem gleichnamigen Stummfilm oder aber die große, große Stadt, in der Superman für Recht und Ordnung sorgt. Osamu Tezukas Metropolis hingegen hat von allem etwas, vor allem aber seinen ungetrübten Willen eine große Geschichte zu erzählen…

m1Klar, machen wir uns nichts vor: Zu aller Anfang war Fritz Lang. 1927 drehte er den monumentalen und wegweisenden Science Fiction-Film „Metropolis“, der vor allem im Bereich des Art Decor Maßstäbe setzte. Als der noch junge Osamu Tezuka in der japanischen Kino-Zeitschrift Kinema Junpo genau obenstehendes Bild sah, inspirierte es ihn zu einer eigenen Comic-Geschichte. Dabei kannte er nicht mal die Handlung des Films, sondern lediglich dieses Bild und den ikonischen Titel „Metropolis“. Da er sich bereits zuvor mit seinem „Lost World“ und „Futureworld“ seitentechnisch ein wenig verzettelt hatte, gab der Verlag Ikuei Shuppan Osamu Tezuka die Auflage sich auf nicht mehr als 160 Seiten zu beschränken. Nun aber zur Handlung….

m2Die Geschichte beginnt mit einem Sinnbild über das Fressen und Gefressen werden, mit einer Überblendung von der Vergangenheit in die Zukunft. In Metropolis findet eine Versammlung von Wissenschaftlern statt, die sich in heller Aufruhr befinden. Denn bei dem Kongress werden sowohl Erkenntnisse über kürzlich entdeckte Sonnenflecken bekannt gegeben, als auch vor dem Schurken Duke Red gewarnt. Dieser hat sich, mit seinen Schergen, die sich „Die rote Partei“ nennen dazu entschlossen, einem der Wissenschaftler seine neuste Erfindung zu stehlen. Und es trifft kurzerhand den gutherzigen Dr. Laughton. Der hatte eigentlich im Sinn mittels künstlich geschaffener Zellen eine neue Lebensform zu kreiren. Doch kurzerhand taucht Duke Red bei ihm auf, und gibt Laughton klare Vorgaben, wie denn so ein künstliches Wesen auszusehen habe und vor allem was es können solle: Durch Luft fliegen, superstark sein, unter Wasser agieren. Laughton, der nichts gutes bei der Sache voraussieht, erschafft dann tatsächlich so ein Wesen in Form des/der geschlechtslosen Michi.

m3Um das neugeborene Wesen zu schützen, zerstört Laughton sein Labor und belügt Duke Red, dass seine Forschung fehlgeschlagen sei. Insgeheim zieht er jedoch Michi als sein eigenes Kind groß…. Als Michi jedoch mehr von der Welt sehen möchte und sich von zu Hause wegschleicht, wird sofort die Umwelt auf die Andersartigkeit des kleinen Zwitters aufmerksam. So lernen sich schliesslich Michi und der bereits aus den vorigen Werken Tezukas bekannte jugendliche Heissporn Kenichi kennen, der das Geheimnis des Wesen lüften möchte. In der Zwischenzeit wird Laughton von Duke Red ermordet und Kenichis Onkel Ban Shunsaku tritt auf den Plan, um direkt zu entdecken, warum der Wissenschaftler getötet wurde. Nun beginnt ein aufregendes Katz- und Mausspiel zwischen Duke Red und Ban Shunsaku im Kampf um den Missbrauch von Michi als Waffe….

m4Mit Michi schuf Osamu Tezuka 1949 den offensichtlichen Prototyp seines später weltweit populären Roboters „Astro Boy“ bzw. „Tetsuwan Atom“. Während es sich bei Atom allerdings um einen eindeutigen Charakter handelt, so macht Michi in den 160 Seiten von „Metropolis“ eine stetige Wandlung  und Selbstreflexion durch. Denn er/sie ist sich seiner Andersartigkeit nicht bewusst. Als Michi diese entdeckt empfindet er/sie diese als großartig, während die Umgebung verwirrt reagiert und Duke Red hingegen diese Fähigkeit als Waffe ausbeuten will. Mit der zunehmenden Selbsterkenntnis vollzieht sich im Laufe der Geschichte eine krasse Wandlung von Michi als naivem, sich verletzlich fühlenden Wesen zur Kampfmaschine, die sich bewusst auf die Seite von Duke Reds versklavter Roboter-Armee stellt und eine Revolte gegen die Menschen anzettelt.

m5Leider ist der große Schwachpunkt des Comics, dass Tezuka auf 160 Seiten eingeschränkt wurde eine zu komplexe Geschichte erzählen zu müssen. Dadurch wirken viele Übergänge gehetzt und chaotisch. Die Eskapaden von Ban Shunsaku sind zwar unterhaltsam aber zu temporeich. Die Seitenhiebe auf Disneys Micky Maus, der hier in geklonter Form als Riesenratte auftritt zu plump. Bei doppelter Länge hätte er sicherlich ein Meisterwerk abliefern können, das „Metropolis“ trotz aller spürbarer Ambitionen leider nicht ganz geworden ist. Dennoch ist all das spürbar, was ich an Tezukas Geschichten schätze, vor allem der Hang zur humanistischen Botschaft und dem Anspruch eine große Science Fiction-Geschichte zu erzählen. Wie in „The mysterious underground Men“ und „Lost World“ hat Tezuka mittlerweile zum dritten Mal sein dramatisches Ende am Totenbett recycled, was nun kurz davor steht zum Klischee zu verkommen. Er gesteht sich dies allerdings augenzwinkernd selbst im Nachwort ein.🙂

m6Alles in Allem tue ich mich schwer mit Osamu Tezukas „Metropolis“. Zwar schreibt er auch im Nachwort, dass die Resonanz enorm war und viele Schüler dazu inspirierte selbst den Berufsweg des Mangaka einzuschlagen…mich persönlich überzeugt er in dieser Geschichte allerdings nicht so ganz. Damit hat sicherlich auch die 2001 entstandene Verfilmung als Zeichentrickfilm zu tun, der hierzulande als „Robotic Angel“ bekannt wurde. Obwohl große Rintaro Regie führte und das Drehbuch von Katsuhiro Otomo (Akira) verfasst und angepasst wurde, überzeugte mich der Film zum Erscheinen nicht als adäquate Tezuka-Verfilmung. Der Film ist prinzipiell schön anzusehen, lebt allerdings von zu vielen Städte-Ansichten und dem reduzierten Fokus auf die Charaktere. Dabei geht es in Tezukas Werken immer in erster Linie um diese. Im Film allerdings ist die Hauptperson die titelgebende Stadt Metropolis und das gesamte bunte Treiben darin.

m7Der zweite Kritikpunkt, den ich am Film äussern möchte ist der enorme Einsatz an CGI! Osamu Tezuka, der in seinen Werken stets das Voranschreiten der Technik inhaltlich kritisiert hat und der dessen Animationsstudio Mushi Pro auf herkömmliche Cel-Animation geeicht hat, wird hier in einem wahren CGI-Feuerwerk hintergangen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er selbst mit dieser Verfilmung so nicht einverstanden gewesen wäre, wenn er sie noch erlebt hätte. Beim Schreiben fällt mir gerade auf, dass ich wenig Gutes an „Metropolis“ lassen kann. Dennoch habe ich als großer Fan von Osamu Tezuka einen riesigen Respekt vor dessen Schaffen. Ich bin mir sicher, dass er „Metropolis“ trotz seines Erfolgs objektiv und kritisch einschätzen konnte. Denn man muss sagen, dass es wahrscheinlich keinen weiteren Manga von ihm gibt, der mich ähnlich enttäuscht zurückliess. Ich muss auch sagen, dass ich Tezukas Werk ja nie so chronologisch gelesen habe, wie ich es derzeit auf „Flimmervielfalt“ vorstelle. Dank der Veröffentlichungspolitik der Verlage in Deutschland und Amerika war und bin ich ja stets darauf angewiesen, mal einen Happen aus dem Frühwerk und mal einen aus dem Spätwerk zu lesen. Ich muss nehmen, was kommt, kann aber versprechen, dass Tezuka in seinen weiteren Werken erzählerisch noch wahrlich Großes leisten sollte….

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