„The mysterious underground Men“

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Wie einige von Euch bereits wissen, sehe ich Osamu Tezuka als größten Geschichtenerzähler aller Zeiten an. Bisher habe ich das hauptsächlich an meinem Lieblings-Zeichentrickfilm „Space Firebird“ (letztes Jahr auf DVD erschienen) festgemacht. Da ich auch mit Osamu Tezukas Comic-Epen stets up-to-date bin und mir seit jeher jeden neu erscheinenden Band mit großer Vorfreude vorbestelle, möchte ich mich daran versuchen, Euch sein literarisches Werk ab sofort näher vorzustellen. Und beginnen möchte ich heute mit dem wahrscheinlich frühsten Werk seiner Feder in meinem Regal: „The mysterious underground Men“ von 1947…

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Oberflächlich gesehen, ist die Geschichte mit ihren 150 Seiten schnell gelesen und schnell nacherzählt: Als Johns Vater bei einem Flugzeugabsturz schwer verletzt wird, bittet dieser seinen Sohn, ein ungefährliches Transportmittel zu erfinden. Darauf beginnt John die Arbeit an einem tollkühnen Projekt, einem interkontinentalen Passagier-Bohrer, der sich durch das Erdreich wühlt. Währenddessen wird in einem Geheimlabor der Hase Mimio mittels eines Elektroschock-Verfahrens so bearbeitet, dass er beginnt auf zwei Beinen zu laufen und wie ein Mensch zu sprechen. Mimio flieht letztlich aus dem Labor und macht die Bekanntschaft von John, der seinen Bohrer bereits fertiggestellt hat.

u2John nimmt den sympathischen Mimio auf die Jungfernfahrt mit dem Bohrer mit, doch in 6000 Kilometern Tiefe kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem die beiden Helden feststecken. Nun tritt Johns Onkel Bill auf den Plan, der mit einem Team von Arbeitern und dem raffgierigen Ingenieur Hamegg mit einem Auto (!) dem Bohrer ins Erdreich folgt. Dort unten treffen sie auf eine Rasse von intelligenten Termiten und deren Königin und werden von ihnen gefangengenommen. Alle bis auf Hamegg, der mit der Königin den Plan verfolgt, die Oberwelt der Erde einzuebnen und wieder für das Volk der Termiten bewohnbar zu machen. Im Preis für die Schätze der Unterwelt versteht sich…Diamanten, Gold und andere Klunker….

u3John und Mimio können Onkel Bill und dessen Mitarbeiter zwar aus den Klauen der Termiten befreien, aber wieder zurück an der Erdoberfläche beginnt nun eine Serie von terroristischen Anschlägen, die das Ende der Menschheit einläuten. Ganz klar: Es muss ein neuer Raketenbohrer gebaut werden, um den Termiten und Hamegg das Handwerk zu legen….

u4Zugegeben, die Handlung des 1947 entstandenen Comics ist keinesfalls sonderlich originell. Zeichnerisch und erzählerisch lässt sie noch viel von dem missen, was ich am Autor Osamu Tezuka besonders schätze. An erster Stelle muss das aber verziehen werden, denn: a) gab es noch keine klare Definition der Novellisierung des „Manga“ und b) war Osamu Tezuka während des Zeichnens noch 18 Jahre alt und gerade mal auf der Mittelschule. Dennoch lassen sich viele Elemente und Charaktere bereits wiederfinden, die er später in seinen Geschichten noch verfeinern und ausklamüsern würde. Zum besseren Verständnis der Bedeutung des Machwerks für die japanische Comic-Kultur-Geschichte ist in dem Büchlein ein umfassendes Nachwort, sowohl von Osamu Tezuka selbst als auch vom Verleger Ryan Holmberg enthalten. Darin wird erläutert, das „The mysterious underground Men“ zwar nicht der erste von Tezukas novellisierten Comics war denn diesen markierte immerhin 2 Jahre zuvor „Shin Takarajima“. Doch während sich in diesem vorherigen Werk Tezuka auf eine heitere Nacherzählung von Robert Louis Stevensons Schatzinsel konzentrierte, ist die Versatzstückelung und Inspiration für das vorliegende Werk ganz anders und vielfältiger einzuschätzen.

u5Ursprünglich wollte Osamu Tezuka seinen Comic nämlich „Der Tunnel“ nennen, durfte aber nicht, weil bereits ein populärer deutscher Roman von Bernhard Kellermann aus dem Jahr 1913 so hiess, dessen japanische Erstausgabe 1930 erschien und (es ist recht wahrscheinlich) vom jungen Tezuka gelesen wurde. Die Geschichte von Kellermanns Tunnel handelt von einem philantropischen Visionär, der einen Tunnel zwischen Deutschland und Amerika mit einem Bohrer graben und mit einem Schienensystem vernetzen möchte. Die Paralellen sind also groß. Tezuka, der in seiner Kindheit und Jugend zudem ein großer Freund des Kinos war, hatte die Gelegenheit einen Filmzusammenschnitt des zweiten Flash Gordon-Serials mit Buster Crabbe zu sehen.

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Wenn man genau hinsieht, sind auch die Parallen im Design des Bohrers und auch in der Termiten-Königin sowie deren Waffe (ein magischer Ring, der Lebewesen versteinern kann) nicht von der Hand zu weisen. Denn bereits im zweiten Flash Gordon-Serial (das zwar auf dem Mars spielt) bohrt sich Flash Gordon durch die Erde um sich der unterirdischen Mars-Königin zu stellen, die eine frappierende Ähnlichkeit mit Tezukas Königin hat. Zudem ist Tezuka durch ein paar stationierte amerikanische Soldaten an einige Disney-Comics gelangt, die mit ihren vermenschlichten Tier-Charakteren zum Hasen Mimio inspiriert haben könnten. Auch sind manche Gesichtsausdrücke Johns mit einem zusammengekniffenen Auge wie dem Spinatfresser Popeye aus dem Gesicht geschnitten.

u7Jetzt könnte man natürlich behaupten, das dieses Frühwerk Osamu Tezukas im Grunde genommen ein Plagiat vieler verschiedener Medien ist. Zum Teil würde ich einer solchen These zustimmen. Positiv gesehen wird an „The mysterious underground Men“ jedoch deutlich, welche medialen Erlebnisse Tezuka in seiner Jugend nachhaltig beeindruckt haben müssen. Das erweitert die Biografie des Künstlers und unser heutiges Verständnis von ihm enorm. Nichts kann aus dem Nichts geschaffen werden, alles lässt sich auf irgendetwas zurückführen. Mal ist die Inspirationsqueller subtil zu erkennen und in diesem Fall springt sie dem heutigen Leser geradezu ins Gesicht.

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Was ist nun aber das Besondere an „The mysterious underground Men“? Nun man muss sich vor Augen halten, dass 1947 der Manga, wie ihn Comic-Leser heute kennen und schätzen praktisch nicht existiert hat. Klar gab es schon seit dem 17ten Jahrhundert durch Katsuhiko Hokusai den Begriff „Manga“ als Form der bebilderten Erzählung. Natürlich gab es seit den ersten Zeitungsauflagen bereits auch Comic-Strips in den japanischen Zeitungen. Osamu Tezuka hat den japanischen Comic nicht erfunden. Auch seine vorherigen Comic-Novellen „Shin Takarajima“ und „Doctor Mars“ waren bereits über 100 Seiten lang. Doch in „The mysterious underground Men“ taucht zum ersten Mal die Mischung verschiedener Erzählstrukturen auf, die wir noch heute in 99% aller Manga wiedererkennen können. Das ist die Vermischung verschiedener Genres. Science Fiction, Comedy, Drama werden gleichermaßen bedient. UND das beindruckendste Novum in der Geschichte liegt tatsächlich in der Geschichte des vermenschlichten Hase Mimio. Dieser würde wahrlich gerne als vollwertiger Mensch akzeptiert werden, wird allerdings aufgrund eines allzu menschlichen Fehlers von John und Onkel Bill grausam verstossen.

u9Erst als dieser in mehreren menschlichen Verkleidungen bei John und Bill unerkannt auftaucht, wird er von diesen in seinen Qualitäten und auch seinen Fehlern akzeptiert. Damit werden John und Bill, die ja eigentlich die Helden der Geschichte sind, in ihrer Intoleranz entlarvt, was den beiden eine große charakterliche Schwäche einverleibt. Und mehr noch: Ich muss an dieser Stelle spoilern, stirbt Mimio auf den letzten Seiten den Heldentod und wird erst auf seinem Totenbett von John und Bill demaskiert. Und dieses Anti-Happy-End ist genau DAS Novum, was die Welt des Manga nachhaltig prägen sollte und die humanistische Botschaft dahinter, DAS Element was die weiteren Geschichten Osamu Tezukas beinhalten würde.

Dieses Manga-Erlebnis ist in englischer Sprache beim Verlag Picturebox in englischer Sprache erschienen und ist all jenen empfohlen, die sich tiefgründiger mit der japanischen Comic-Kultur auseinandersetzen wollen, als sie einfach nur zu konsumieren.

 

 

4 Gedanken zu „„The mysterious underground Men“

      • Da das Nachwort tatsächlich sehr reichhaltig ist, sollte weiterführende Informationen nur sehr schwer zu beschaffen sein. Letztlich ist in mir natürlich immer ein Hoffnunfsschimmer auf geheimes Spezialwissen, vielleicht aus Interviews oder Sekundärliteratur. Das ist eigentlich ein gutes Stichwort. Was empfiehlst du an Sekundärliteratur? Ich kann Tezuka Osamu. Figuren, Themen und Erzählstrukturen im Manga-Gesamtwerk von Susanne Phillips sehr empfehlen. Die Arbeit beweist nicht nur wie sehr die Autorin die Macht der Logik bebeherrscht, sondern unterstreicht die Genialität Tezukas. Ihre Arbeit über Hi no Tori würde ich ja gerne mal lesen, ist aber schwer aufzutreiben. Ich habe mir neulich McCarthys The Art of Osamu Tezuka gekauft, allerdings bis jetzt auch nur einmal durchgeblättert. Die Auswahl an Literatur scheint mir allerdings insgesamt überschaubar.

      • Das ist sie leider, da hast Du vollkommen recht. Im französischen Raum sieht es da besser aus. Aber ich bin der Sprache nicht mächtig. Aber es gibt ein paar interessante Dokumentationen zu Tezuka. Eine ist zum Beispiel auf der Short Films DVD eine andere ja auch bei dem Art book, falls du die Edition mit der Scheibe hast. Ich kann im Grunde mich bei den Berichten nur auf das beziehen, was ich selbst daheim habe, und das ist schon alles was innerhalb der letzten 20 Jahre im englischen Sprachraum erschienen ist. Und eben dem Ergebnis, wie ich sein jeweiliges Werk wahrgenommen habe. ☺

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