Taro, der Drachenjunge – 35 Jahre vor „Prinzessin Kaguya“

taro0Nachdem Hayao Miyazaki nun entgültig in Rente gegangen ist, wird bei Studio Ghibli ein kaum zu besetzender Platz für einen Nachfolger frei. Doch sein langjähriger und zudem 6 Jahre älterer Kollege Isao Takahata denkt scheinbar noch lange nicht an den Ruhestand, sondern hat mit „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ einen weiteren Film der Mediathek Ghiblis hinzugefügt. Ein klassisches japanisches Märchen gepaart mit dem Handwerk der kalligraphischen Zeichnung. Doch ist dies nicht der erste Versuch Takahatas einen Film dieser Art zu produzieren. Bereits vor 35 Jahren hatte er mit der selben Ambition und Technik einen Film gemacht, der fast in Vergessenheit geraten ist….

taro5Taro, von allen „Drachenjunge“ genannt wächst in einem Dorf im längst vergangenen Japan auf. In einer Zeit, als noch nicht mal der Reis als Getreide allerorts angebaut wurde. Er ist superstark, misst seine Kräfte im Ringkampf mit Tieren und sogar mit einem Tengu und ist überall dabei, wo es darum geht, den Menschen Gutes zu tun (sofern er mal den inneren Schweinehund dazu überwindet). Doch auch dem Jungen lastet ein düsteres Geheimnis um seine Herkunft, das er von seiner Großmutter erfährt. Taros Mutter hatte sich vor seiner Geburt bereits in einen Drachen verwandelt und ihn dann zur Welt gebracht und mit ihren Augäpfeln genährt.

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Sie bat, ihn zu ihr zu schicken, sobald er alt genug sei, eine solche Reise anzutreten. Taro, hat bereits einige Heldentaten vollbracht. Zum Beispiel hatte er sich mit dem Mädchen Aya angefreundet und sie sowohl vor dem roten, als auch den schwarzen Oni gerettet. Also würde er doch auch seine Mutter finden können? Gegen den Willen seiner Großmutter bricht Taro auf seine Odyssee auf, um seine Mutter zu finden. Doch ein langer und beschwerlicher Weg liegt vor ihm, auf dem er manches Abenteuer erleben und einiges über das Wesen der Menschen lernen muss.

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„Tatsu no Ko Taro“ von 1979 ist die Verfilmung eines ganz klassischen japanischen Volksmärchens, oder besser gesagt seiner Novellen-Fassung von Miyoko Matsutani. Genau wie hierzulande die Gebrüder Grimm sich die Hausmärchen nicht etwa ausgedacht, sondern gesammelt und verschriftlicht haben, haben im asiatischen Raum viele Autoren sich zur Aufgabe gemacht, auf der Basis eines Volksmärchens eine Novelle zu verfassen. Und eine solche bot die Vorlage für Isao Takahatas Drehbuch, das von Kirio Urayama zu diesem zeitlosen Endprodukt geführt hat: „Taro der Drachenjunge“. Besonders hierbei ist, dass der Film sich visuell stark an kalligraphischen Illustrationen von Volksmärchen orientiert.

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Praktisch jedes Hintergrundbild des nebelverhangenen, verschlafenen und noch unzivilisierten Japans ist ein Kunstwerk für sich. Hier ist noch mit viel Liebe zum Detail vorgegangen worden. Die Charaktere hingegen bestechen durch ihre klare Linie und lassen den Zuschauer erkennen, dass es nicht mehr lange bis zur Gründung des Studio Ghibli dauern würde. Ja, wüsste man es nicht besser, würde man glatt glauben können, dies wäre bereits ein Film des renommierten Studios. Auch musikalisch wird die klassische japanische Volks-Waise angespielt und sogar die Taikô-Trommel geschlagen. Alles in diesem Film bezieht sich auf die japanische Kultur und ihr Verständnis vom Einklang zwischen dem Menschen und der Natur.

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An Fabelwesen begegnen dem Zuschauer und auch Taro zwei Onis, der Tengu, eine Wasserschlange und schliesslich ein ganz klassischer asiatischer Drache. Inhaltlich unverständlich für westliche Zuschauer bleibt der Grund, warum Taros Mutter während ihrer Schwangerschaft verwandelt wurde. Sie hatte sich dem Heisshunger ihrer Trächtigkeit ergeben und anderen Leuten Fisch weggegessen. Und erst die Bewässerung von Feldern löst schliesslich den Bann, der auf ihr liegt. Hier muss ich durchaus sagen, hatte ich regelrechtes Mitleid mit der Mutter Taros, die wahrscheinlich an die 10 Jahre ein wahres Martyrium und Dasein als blinder Drache fristen musste. Und wofür? Für Heisshunger? Bisschen zu hart aus heutiger Sicht.taro2Dennoch verbleibt ein wahrlich wunderschönes, tränentreibendes Märchen. Wie auch in den späteren Ghibli-Filmen wurde ein angenehmes Tempo zwischen Action und ruhiger Erzählweise gewährt. Jedenfalls möchte ich vermuten, hat Isao Takahata mit dem aktuellen „Prinzessin Kaguya“ der Tradition von „Taro der Drachenjunge“ nachempfinden wollen; zeichnerisch, erzählerisch und thematisch. Besonders an „Taro der Drachenjunge“ ist auch seine Präsenz im deutschsprachigen Raum. Bereits 1982 wurde der Film in den Kinos der DDR mit einer hervorragenden Synchronisation der Defa-Studios ausgestrahlt. Und das, obwohl es zwei versteckte Anspielungen an den Staatsfeind-Sport Baseball zu entdecken gibt.😀 1983 wurde der Film dann im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. 1984 erschien er dann erst in Westdeutschland beim Videolabel Silwa auf VHS um dann 1989 erstmals bei RTL Plus ausgestrahlt zu werden…. (Übrigens im Double Feature mit meinem ewigen Lieblingsfilm „Space Firebird“).taro7

„Taro der Drachenjunge“ ist kein Film für die Kleinsten. Es ist ein Familienfilm, der ein paar düstere und leicht gruselige Elemente aufzuweisen hat. Geister, Dämonen, Hexen und leichte naive sexuelle Anspielungen sind vorhanden und verlangen bei jüngeren Kindern nach Erklärungsbedarf. Zu Recht wurde der Film vor ungefähr einem Jahr auf DVD in Deutschland mit der FSK 6-Einstufung versehen. Der Film ist derzeit noch als Schnäppchen zu ergattern, weist eine hervorragende Bildqualität auf, mit einem leicht verrauschten deutschen Ton. Dennoch rate ich jedem, der Lust auf ein solches Filmerlebnis hat, sich die DVD zuzulegen, denn es wird ein Märchen für Groß und Klein geboten, das seinesgleichen sucht und frei von jeglichen westlichen Klischees für sich allein steht. Optisch und erzählerisch bekommt Ihr ein wahres Kleinod des japanischen Zeichentrickfilms geboten!

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