„Deep End“ – Wenn ich nochmal 15 wäre….

de0Jerzy Skolimowski beweist in seinem 1971 entstandenen Jugendfilm „Deep End“ wieder mal, dass die polnischen Regisseure ein Talent haben, intensive Geschichten auf die Leinwand zu bringen. Skolimowski reiht sich trotz einem kleineren Film-Repertoire nahtlos in eine Reihe mit Größen wie Wajda, Polanski, Żuławski und Has ein. Was „Deep End“ so besonders macht, erzähle ich Euch in meinem heutigen Beitrag…

Deep End

Mike ist 15 und lebt im England der späten 60er Jahre. Nach der mittleren Reife tritt er eine Ausbildung zum Bademeister an. Neben der Überwachung eines Schwimmbeckens, gehört vor allem zu seinen Aufgaben die Reinigung der öffentlichen Badewannen und die Bewirtung der dortigen Badegäste beiderlei Geschlechts. Mike, der noch Jungfrau und sexuell unerfahren ist, wird bereits am ersten Arbeitstag von einer älteren Kundin zur Befriedigung missbraucht. Das hormonelle Erwachsen des jungen Mannes führt dazu, dass er eine Anziehung für seine ältere Arbeitskollegin Susan entwickelt.

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Durch seine mangelnde Lebenserfahrung übersieht Mike allerdings, dass Susan bereits unzählige negative Erfahrungen in ihrer hinter ihr liegenden Pubertät gemacht hat. Susan ist unfähig Liebe zu schenken, wird von ihrem Verlobten sexistisch unterdrückt und hat seit ihrer Jugend sexuellen Kontakt zu dem hebephilen Schwimmlehrer der Badeanstalt, der ihr offenbar auch den Job vor Ort verschafft hat. Mike hingegen ist noch nicht fähig zu unterscheiden, ob er Susan wirklich liebt oder sich lediglich körperlich zu ihr hingezogen fühlt.

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Zunehmend entwickelt Mike eine wahrhafte Obsession für die ältere Frau und beginnt ihr nachzustellen. In einem Sex-Kino berührt er sie trotz Anwesenheit ihres Verlobten heimlich von hinten an den Brüsten und wird sogar von der Polizeit einkassiert. Er verfolgt sie bis vor die Haustür und lauert ihr stundenlang (6 Hot-Dogs verzehrend) vor einer Discothek im Rotlicht-Viertel auf. Dabei entdeckt er den Papp-Aufsteller einer Stripperin, die Susan zum Verwechseln ähnlich sieht, stiehlt diesen und befriedigt sich im Schwimmbecken mit dem Objekt.

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Als es zu einem Handgemenge zwischen Mike und Suzan kommt, löst sich der Diamant ihres Verlobungsrings und landet im Schnee. Mike kommt auf die Idee, den Schnee einzusammeln und im Schwimmbad zu schmelzen um den Diamanten wiederzufinden. Ob die beiden durch dieses gemeinsame wahnwitzige Unterfangen nun zueinander finden, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: Das Ende wartet mit einer bitterbösen Überraschung auf.

„Deep End“ ist trotz seines Alters ein unglaublich zeitloser Jugendfilm mit vielen surreal inszenierten Bildern und Farben. In Deutschland gedreht, mit Engländern besetzt und Regie eines Polen führen zu einer Explosion von Sinneseindrücken.

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Dreh- und Angelpunkt des Films ist der Schauplatz der heruntergekommenen Badeanstalt. Vollgeschmierte Wände, Schimmel in allen Ecken, abblätternde Farbe…heutzutage würde niemand mehr ein solches Etablissement aufsuchen um seinen Körper zu reinigen. Da hilft auch kein regelmäßiges Umstreichen oder die Wutanfälle des Inhabers, der sich über liegengelassene Handtücher aufregt. Ausserhalb des Schwimmbads liegt der Fokus stets auf den Stalker-Tätigkeiten Mikes; sich immer autonom grenzwertig benehmend, nie von seinen Eltern zu Raison gezogen. Er ist selbst für die Verhältnisse der 60er Jahre ein Spätzünder, der sich schüchtern jeglichen Annäherungsversuchen verweigert und seine Gefühle aufstaut bis zum finalen beeindruckenden Showdown.

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Geradezu symbolisch fließt, trieft und tropft dickflüssige rote Farbe im Film, stellvertretend für eine Mischung aus Körpersäften und Leidenschaft. Zu keiner Zeit ist die Film wirklich pornografisch; nackte Körper sind stets mit einem Bewusstsein für visuelle Ästhetik in Szene gesetzt und obwohl das Thema des Films das Erwachen der Libido erzählt, ist nie eine wirkliche Sex-Szene zu sehen. Immer im Fokus des Films steht der jugendliche Mike, unglaublich sympathisch von dem damaligen Jungdarsteller John-Moulder Brown gespielt, auf der Suche nach Selbstfindung und viel zu früh in die Welt der Erwachsenen entlassen, ja geradezu emotional und sozial verwahrlost.

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Jane Asher als Suzan hingegen wirkt, umso weiter der Film fortschreitet, alles andere als ein braves Mädchen. Es ist die Sorte Frau, vor der viele Jungen von ihren Eltern gewarnt werden, die sich hoffnungslos von Äusserlichkeiten blenden lassen. Suzan ist durch und durch emotional verkümmert und durch Einschnitte in ihrer Biografie gar nicht zu mehr fähig als körperlichen Kontakt runterzuspulen wie ein Programm. Sie weiss, was die Männer von ihr erwarten und erfüllt diese Erwartungen mechanisch. Doch ein Jugendlicher wie Mike besitzt noch nicht die Erfahrung den Unterschied zu erkennen. Er tappt in die Falle einer Femme Fatale, die auf dem besten Weg ist, ihn genauso zur Liebesunfähigkeit zu prägen, die ihr selbst zu Eigen ist.

de6Ich wiederhole mich sicher, aber Jerzy Skolimowski ist mit „Deep End“ ein unglaublich dichtes Jugenddrama geglückt. Zum Zeitpunkt des Entstehens noch ein absoluter Flop an den Kinokassen, zählt er heute zu den großen Titeln der französischen Novelle Vague, als Filme begannen sich vom Mainstream abheben zu wollen. Genau das macht „Deep End“ auch heute noch zu einem Film, den man gefahrlos gucken kann ohne das Gefühl zu haben, mit Problemen einer längst vergangenen Generation konfrontiert zu sein. Ich kann diese kleine Perle des europäischen Kinos einfach jedermann ans Herz legen, der die tragi-komische Geschichte eines pubertierenden Jungen erleben will.

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