Kunstmärchen – Märchen als Kunst – „Das neunte Herz“

nh0

Jaja, der Märchenfilm als Filmgenre ist so gut wie jedem bekannt, doch zugegebenermaßen künstlerisch und erzählerisch unterschätzt. Klar, das Volks- und das Kunstmärchen in der Literatur ist oft analysiert und interpretiert worden. Mein auch auf Flimmervielfalt vorgestelltes Lieblingsbuch „Stein und Flöte“ ist das wahrscheinlich komplexeste Märchen aller Zeiten. Aber der Märchenfilm? – Verschone mich! – Aus der Tschechoslowakei? – Och, komm schon! Männer in Strumpfhosen, Kostümchen, Aschenbrödel…. – „Das neunte Herz“! – Nie gehört! – Dann mach mal….

nh1

Martin ist der typische tschechischoslowakische Hallodri! Eine Art slawisches tapferes Schneiderlein….er kommt in ein Königreich, in dessen Hof sich eine Schaustellertruppe versammelt hat. Dort wird das Marionettenstück über den Ritter Filoden und Prinzessin Beatrice aufgeführt. Prinzessin Beatrice schlafwandelt jede Nacht und Ritter Filoden muss herausfinden, was dahintersteckt. Fasziniert von dem Stück, lernt Martin die Schaustellerin Toncka kennen, die er samt ihrer Familie ins Gasthaus ausführt. Anhand eines dort ausgehängten Steckbriefs kriegt er heraus, dass das Puppenspiel offensichtlich einen tatsächlichen Bezug hat. Denn die Prinzessin Adrienna verschwindet Nacht für Nacht und 8 tapfere Helden haben schon versucht ihr Verbleiben zu klären, sind aber bei dem Versuch verschwunden.

nh4

Martin versucht den Wirt zu prellen und kommt ins Gefängnis. Vorher wurde ihm vom Spielmann allerdings ein geheimnisvoller Mantel geschenkt, der unsichtbar machen kann. Martin flieht aus dem Verlies, verliert dabei aber die wertvolle Tarnkappe. Bei den Schaustellern Zuflucht findend, gestehen er und Toncka sich ihre Liebe, besiegelt mit einem Herzanhänger, den Martin geschenkt bekommt. Kurz darauf wird Martin wieder von der Gendarmerie geschnappt, schafft es allerdings sich selbst vor dem Verließ zu retten, indem er sich als Held anbietet, der das Nachtwandeln von Prinzessin Adrienna aufklären will. Toncka verzweifelt, denn sie weiss: Demjenigen, der Prinzessin Adrienna rettet, winkt deren Hand.

nh2

Im Schloß lernt Martin den Hofnarren besser kennen, der mehr als alle anderen mitbekommen hat, was hinter dem Verschwinden Prinzessin Adriennas steckt. Graf Aldrobrandini, Hofastrologe und Alchimist hat dem Herzog des Landes versprochen, den Stein der Weisen zu entdecken und ihn mit Gold über Gold zu versorgen. Dafür bittet Aldobrandini um Adriennas Hand, doch das eitle Prinzesschen will von dem kahlköpfigen, schielenden Alchimisten nichts wissen. Doch der böse Graf behilft sich eines Blutstropfens Adriennas, sich ihrer Seele und ihres Körpers zu bemächtigen. In der nun folgenden Nacht machen sich Martin und der Hofnarr auf eine schaurige Verfolgungsjagd um zu sehen, wohin Adrienna nachtwandelt….und kommen einem fürchterlichen Geheimnis auf die Spur!

nh3Ich habe prinzipiell wirklich wenig für den Märchenfilm als Filmgenre übrig. „Das neunte Herz“ aus dem Jahr 1978 von Juraj Herz wusste mich gleichermaßen zu verzaubern, zu verwirren und zu verstören. Einerseits sind viele Elemente des tschechoslowakischen Märchenfilms wiederzufinden, andererseits betäubt der Film seinen Zuschauer durch wunderbare Bildkompositionen, stimmungsvolle Szenen und Weichfilter-Aufnahmen, die zur Entfremdung eingesetzt wurden. Und genau das ist das Stichwort, was diesen Film so sehenswert und faszinierend macht. Man hat als Zuschauer das Gefühl, dass hier nicht nur ein Märchenfilm stattfindet, sondern mehr noch, Filmaufnahmen einer märchenhaften Paralelldimension zu sehen sind.

nh5

Anders, als zum Beispiel im „Aschenbrödel“ wird alles andere, als ein familienfreundliches Sonntagsmärchen erzählt. Nein, hier hat man in jeder Szene das Gefühl der Bedeutungsschwangerschaft. Ob nun in einem Puppenspiel dezent angedeutet wird, dass in der Regierung etwas nicht stimmt, in einer geheimnisvollen Zwischenwelt Herzen, Kerzen und Sanduhren orangerot durchs Dunkel schimmern oder tschechische Lieder gesungen werden, deren Bedeutung verschlossen bleibt. Es wird getanzt, es wird gesungen, bedroht, gespielt, inszeniert. Ein Wirbel aus Bildern, Symbolen und Interpretationen entsteht. Und es gibt sogar Zombies und Verwesung zu sehen. Auch wenn „Das neunte Herz“ von der FSK ab 6 Jahren freigegeben wurde und das ein oder andere seltene Mal im Vormittagsfernsehen zu sehen war, ist es per sé kein Märchenfilm für Kinder oder Familien, sondern Erwachsenenunterhaltung.

nh1

Musik und Stimmung sind allenfalls bedrohlich, der Sinngehalt und die Moral von der Geschicht als zu metaphysisch einzustufen. Handwerklich handelt es sich um ein gelungenes Werk, dessen Inhalt bezaubert, dessen Bedeutung allerdings nicht beim ersten Gucken zu erfassen war. Das liegt vor allem an dem unglaublichen visuellen Sog. Das größte Rätsel des Films ist wahrscheinlich Prinzessin Adrienna, die etwas zu schöne puppenartige Prinzessin mit dem leeren Blick, die ungreifbar und nicht fassbar für den Zuschauer und Martin verbleibt und gar ein Sinnbild dafür darstellt, dass zu schöne Frauen oftmals die falschen Männer wählen. Insgesamt hatte ich mit dem „neunten Herz“ einen vergnüglichen Abend und vor allem den Beweis, dass der klassische Märchenfilm ein erwachsenes Kunst-affines Publikum ansprechen kann, ohne Blut zu vergiessen oder in deplatzierte Splatterorgien auszuarten.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s