„Mr. Nobody“ – Über die Interaktivität des Lebens….

mrn0Das Leben hält viele Entscheidungen bereit. Rückblickend bedauern wir vielleicht manche davon. Doch was wäre, wenn wir einen anderen Weg eingeschlagen hätten? Wäre eine andere Entscheidung wirklich besser als die andere? Einer der alle tragenden Entscheidungen seines Lebens parallel zueinander erlebt, ist Nemo Nobody, gespielt von Jared Leto im 2009 gedrehten Film „Mr.Nobody“. Obs mir gefallen hat?

mrn1Im Jahr 2093 liegt der 118-jährige Nemo Nobody als ältester Mensch der Welt im Sterben. Bedauerlich, da die Menschheit bereits dank Stammzellen-Reproduktion die Unsterblichkeit erreicht hat. In einem Interview will ein Reporter wissen: Wie ist es eigentlich als letzter Sterblicher zu verscheiden und welches Leben hat er überhaupt geführt, jener Mensch mit dem ungewöhnlichen Namen Nemo Nobody. Und so beginnt der alte Mann seine unglaubliche Lebensgeschichte zu erzählen, die bereits vor seiner Geburt beginnt. Bei netten Eltern aufgewachsen baut sein Vater eines Tages einen schrecklichen Unfall, bei dem eine junge Mutter ums Leben kommt. Nemos Mutter beginnt daraufhin eine Affäre mit einem anderen Mann und es kommt schliesslich wie es kommen muss: Die Eltern trennen sich und Nemo darf sich entscheiden, bei wem er denn nun lieber leben möchte.

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Sowohl, als auch! Wie kann ein Kind eine solch schwere Entscheidung treffen? Und ab diesem Moment geschieht das Unglaubliche: Nemo durchlebt zwei Varianten seines Lebens, denn natürlich ist er bei seinem Papa geblieben. Aber natürlich ist er auch mit seiner Mutter mitgegangen! So erlebt er bei seinem Vater eine Jugend, die davon geprägt ist, dass er diesen nach einem Schlaganfall pflegen muss. Er verliebt sich in Elouise und heiratet sie. Doch was wäre, wenn er Elouise nicht hätte von sich überzeugen können? Tja, dann hätte er die Asiatin Joanne geheiratet und wäre reich geworden. So aber erlebt er mit Elouise mal ein Leben mit einer manisch-depressiven Frau und drei Kindern und mal aber auch ein Leben als junger Witwer.

mrn4Aber wie wäre Nemos Leben verlaufen, wenn er bei seiner Mutter geblieben wäre? Nun, dann hätte er sich unsterblich in seine Stief-Schwester Anna verliebt, Zu dumm jedoch, dass die neue Beziehung seiner Mutter in die Brüche ging und Anna und Nemo sich aus den Augen verlieren, sich aber versprechen, sich wiederzusehen….und während all dies gleichzeitig passiert, stutzt ein junger Reporter in der Zukunft, wie das alles denn überhaupt möglich sein kann…

„Mr.Nobody“ von Jaco van Dormael ist ein großartiger Film über die Was-wäre-wenn-Idee. Es gibt ja mittlerweile einige Filme zum Thema… „Und täglich grüsst das Murmeltier“, „Butterfly Effect“,“Donnie Darko“ oder auch „Source Code“.

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Alle genannten Titel haben gemeinsam, dass sie im Grunde von Anfang an ihre Prämisse erklären und den Zuschauer von Anfang an in die Funktionsweise ihrer Idee einweihen. Bei „Mr.Nobody“ funktioniert alles anders, denn der Zuschauer wird vor allem im 2 1/2-stündigen Directors Cut bis zum Schluss nicht eingeweiht darüber, warum denn alles so abläuft wie es abläuft. Und ganz ehrlich: Der Film hätte eine Auflösung nicht benötigt. Er funktioniert sehr gut als Parabel an Entscheidungsunfreudigkeit. Denn der Film zeigt mit seinen vielen Variationen einer möglichen Realität auf, dass es kein RICHTIG und kein FALSCH gibt. Jede Entscheidung geht einher mit den Widrigkeiten, die einen Menschen daran glauben lassen, sich falsch entschieden zu haben.

mrn3Stattdessen verläuft „Mr.Nobody“ wie ein Puzzle, springt zwischen Zeiten und alternativen hin und her und funktioniert als philosophische Idee auch vollkommen ohne jegliche Auflösung. Jared Leto als Nemo Nobody überzeugt in allen seinen Variationen und hat Gelegenheit seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Dabei wird er nur noch von seinem jungen selbst, gespielt von Tony Regbo übertroffen. Selten habe ich einen Jung-Darsteller gesehen, der derart facettenreich, ausdrucksstark und charismatisch schauspielt. Ich prophezeihe ihm eine große Karriere, wenn er diese schauspielerische Qualität halten kann.

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Kommen wir zum Wichtigsten: Der filmischen Handschrift des Films. Genretechnisch lässt sich „Mr.Nobody“ in keine Schublade stecken. Der Film ist weder Mystery, noch Science-Fiction, noch Liebesfilm, noch Familiendrama, noch Komödie und dennoch alles in allen. Der Soundtrack ist großartig ausgewählt, auch wenn man einige der Stücke bereits aus anderen Filmen kennt. Zum Beispiel „Where is my Mind“ von den Pixies, den wir auch schon in David Finchers Meisterstück „Fight Club“ hörten. Möglicherweise handelt es sich gerade diesbezüglich um eine Verbeugung, denn die Handschrift ist nicht unähnlich der von „Fight Club“. Dem Zuschauer ist zum Beispiel nie 100%ig klar, welche Szene nun ein Sinnbild oder die Realität darstellt. Wenn Nemo Nobody als Unterhaltungswissenschaftler im TV mit einfachen Worten die Funktionsweise der Quantenmechanik und Paralellwelten erklärt so erinnert das in der Ausführung sehr an Edward Nortons Spaziergang durch die formfertige Ikea-Wohnung.

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Äusserst beeindruckend ist auch immer die Querverbindung in Richtung Science-Fiction-Szenario, bei dem tolle Weltraumaufnahmen, Raumschiffe und Futurismus in seiner ureigensten Form zu sehen sind. „Mr.Nobody“ ist wirklich ein zauberhafter Film. Vielleicht mit „Brothers Bloom“ meine großartigste filmische Entdeckung des Jahres 2014. Es ist kein Film für Jedermann. Er setzt vom Zuschauer Durchhaltevermögen und durchaus ein paar Vorkenntnisse bezüglich der Viele-Welten-Theorie voraus. Wer aber all das mitbringt, wird (versprochen) königlichst unterhalten werden und diesen Film mit Sicherheit noch lange in Erinnerung behalten!

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