„Twin Peaks“ – In einer kleinen Stadt….

tp0Kinder! Jetzt kommt mal eine richtig (t)olle Kamelle! Mit sooooo nem Bart! Im Jahr 1990 bekamen wir über Antenne das erste Mal endlich Sat1 und RTL in verkrisselter Qualität rein. Und in ebensolcher sah ich eine Serie, die mein Leben und mein Verständnis von qualitativer Erzählweise grundlegend veränderte: „Das Geheimnis von Twin Peaks“. Obwohl Regisseur David Lynch bereits eine Hand voll Filme gedreht hatte, war dies mein erster Kontakt mit ihm. Hey, immerhin war ich erst 11. Und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

tp3Gemeinsam mit meinen Eltern sah ich noch den Pilotfilm von Twin Peaks. Laura Palmer, ein junges Mädchen wurde tot, ermordet, in Plastikplane gewickelt, am Ufer eines Sees in Twin Peaks nahe der kanadischen Grenze aufgewunden. Obwohl die örtlichen Behörden am Ball sind und die Bevölkerung des halbens Ortes ohnmächtig, gelähmt und gleichzeitig ahnend der Tat gegenübersteht, tritt das FBI auf den Plan. Oder besser gesagt: Special Agent Dale Cooper, der mehrere Vorlieben fürs Detail, Kirschkuchen, Kaffee und Tibet pflegt. Ein echter Genussmensch, der sich sowohl an kleinen Dingen erfreut als auch nie den Blick für den gesamten kosmologischen Kontext verliert. Denn tatsächlich handelt es sich bei dem Mord bereits um den zweiten in einer Serie, bei dem den Opfern Buchstaben unter den Fingernagel kurz vor deren Ermordung gefriemelt wurden. Coopers deduktives Vorgehen im Mordfall Laura Palmer wird im Pilotfilm bereits angedeutet. Denn statt wie ein trockener Tatort-Kommissar oder ein übercooler amerikanischer Ermittler, verlässt sich der FBI-Mann weniger auf sichtbare Hinweise und Verdächtige, sondern vielmehr auf Symbole in seinem Unterbewusstsein und seinen Träumen.

tp2Und schon im Pilotfilm wird klar, dass Cooper nicht der einzige im Örtchen Twin Peaks ist, der schrullige Marotten an den Tag legt, nein, praktisch jede Figur, die eingeführt wird, ist alles andere als normal zu bezeichnen. Angefangen mit Lauras Eltern, die kettenrauchende, hysterisch schreiende Mutter Sarah und Vater Leland, der über Nacht ergraut und seine Trauer im euphorischen Tanz und Gesang zu verarbeiten versucht. Lauras Psychiater Lawrence Jacobi, affin in Zaubertricks und im Besitz einer besonderen Kokosnuss. Hotel- und Bordellbesitzer Benjamin Horne, sowie dessen Bruder, der quirlige, drittklassige Anwalt Jerry, immer auf der Jagd nach Investoren um Land zu kaufen, das ihnen noch nicht einmal gehört, sondern der geheimnisvollen Asiatin Josie Packard, deren Mann unter mysteriösen Umständen zu Tode kam und die nun bei ihrer Schwägerin, der intriganten Catherine Martell und deren Mann Pete lebt.

tp5

Tja, und dann wären da noch die örtliche Polizei, von denen Sheriff Harry Truman noch der normalste Typ ist. Denn dieser muss mit dem nah am Wasser gebauten, leicht unterbelichteten aber herzensguten Deputy Andy sowie dem naturverbundenen Ureinwohner Hawk zusammenarbeiten. Und dann wäre da noch die Rezeptionsdame Lucy, die keine Gelegenheit auslässt, jedes Detail akribisch zu verbalisieren und eben jener Cooper, der die Zügel der Ermittlung nun in der Hand hält und immer wieder Besuch seiner Kollegen vom FBI bekommt. Albert Rosenfield von der Forensik zum Beispiel, der keine Gelegenheit auslässt über die Dorfbewohner herzuziehen und sie zu beleidigen. Oder dem stark schwerhörigen Vorgesetzten Gordon Cole (gespielt von Lynch selbst) oder dem verdeckten Ermittler Dennis Bryson (David Duchovny), der sich entschieden hat, lieber Frauenkleider tragen zu wollen.tp6Und ich komme aus dem Erzählen nicht raus! Viele Charaktere in Twin Peaks haben das sprichwörtliche Rad ab. Da wäre die durch den Tod ihres Ehemannes traumatisierte „Log Lady“ Margret, die stets einen Holzscheit mitführt und mit diesem spricht. Oder der einarmige Schuhverkäufer Philipp Gerard, der sich regelmäßig Medikamente spritzen muss, um nicht von seiner zweiten Persönlichkeit „Mike“ in Besitz genommen zu werden, einem Freund von „Bob“, einem  zottigen Mann, der vor allem in Coopers Träumen auftritt. Automechaniker Ed und dessen Frau, die einäugige manisch-depressive Nadine. Und über die Jugend habe ich noch gar nicht angefangen zu sprechen. Immerhin hatte Laura drei Ex-Freunde, Motorradsoftie James Hurley, Drogendealer Bobby und den agoraphobischen Harold Smith. Zwei Tagebücher Lauras spielen eine gewichtige Rolle und beiden Mädels Donna und Audrey, verschiedener können zwei gar nicht sein, forschen jede auf eigene Faust nach dem Mörder.

tp9

Die Frage aller Fragen: Wer war es? Whodunit? Etwa der sadistische Holzfäller Leo Johnson der regelmäßig seine Frau Shelly drangsaliert und eine Menge Dreck am Stecken hat? Oder vielleicht doch jener Bob? Aber wer ist Bob überhaupt?

Wie man sehen kann, weiss die Handlung durch eine Fülle toller Charaktere und Lynchs unverwechselbaren Stil zu überzeugen oder zu vergraulen. Freunde seichter Serien-Unterhaltung sind hier keinesfalls gut aufgehoben, ein Grund, warum meine Eltern bereits nach dem Pilotfilm kapituliert haben und ich aber im Gegenteil dermaßen angefixt war, dass ich jeder weiteren Folge entgegenfieberte.

tp4

Jedes Episoden-Ende wartet mit einem spannenden Cliffhanger auf. Jede neu eingeführte Figur weiss den Zuschauer gleichermaßen zu verwirren und zu verzaubern und deren Zusammenspiel inklusive langer Szenen ohne Schnitt zeigt, wie anspruchsvoll die Dreharbeiten und das Drehbuch gewesen sind. Während die Serie in den USA eine kleine aber bis heute treue Fan-Gemeinde bilden konnte und in Japan gar ein echtes TP-Fieber ausbrach, wurde die Serie in Deutschland sehr stiefmütterlich behandelt. Als RTL die Rechte kaufte, brach eine regelrechte Quoten-Angst bei einem konkurrierenden Privatsender namens Sat1 aus, dass dieser aus purer Gehässigkeit im Videotext den Namen des Mörders vorzeitig bekannt gab. Die Zuschauer blieben zunehmend aus und die Serie wurde in Deutschland abgesetzt um ein neues Zuhause bei Tele5 unter ständig wechselnder Sendezeit zu finden.

tp8Soviel sei verraten: Bereits im zweiten Drittel der Serie wird das Geheimnis des Mörders gelüftet und die Handlung auf eine neue mysteriöse Person namens Windom Earle, einen ehemaligen Partner Coopers hingeführt. Dieser Break läutete in Amerika immer weiter senkende Quoten ein (obwohl die Serie weiterhin zum Besten gehörte) und es kam wie es kommen musste, am Ende von Staffel 2 wurde die Serie abgesetzt. Allerdings nicht, ohne nochmal einen richtigen Knall zu hinterlassen. Fiesester Cliffhanger auf der einen Seite, mysteriöseste Vorgänge in einem geheimen roten Raum in der noch geheimeren „schwarzen Hütte“ auf der anderen Seite. Der Aufschrei in der Fangemeinde war so groß, dass der großherzige Lynch sich dazu entschloss einen abschliessenden Kinofilm zu drehen, das 2 1/2-stündige Werk „Fire walk with me“, ein regelrechtes Manifest von einem Film. Immer wieder erzähle ich die Geschichte gerne, wie ich mich damals mit 13 Jahren ins Kino schmuggelte, um den Film sehen zu können. Was fühlte ich mich erwachsen und überfordert gleichermaßen.

tp11

Und der größte Schock: Der Film war mehr eine Vorgeschichte als eine Fortsetzung, auch wenn leichte Andeutungen von Zeitreisen spekulieren liessen, was nach dem Ende der Serie noch passiert wäre. Der Film bot von allem mehr, aber auch viel zu wenig Bezug zur Serie selbst, viel zu losgelöst konsumierbar war er gewesen. Und so verabschiedete ich mich einerseits von „Twin Peaks“, während ich andereseits immer wieder zu der Serie zurückkehrte, sie praktisch jedes Jahr aufs neue schaute und genoss, um gerade ihre kryptischen und nicht eindeutigen Elemente immer noch weiter zu interpretieren. Als das Zeitalter des Internets für mich anbrach, erfuhr ich von einer Petition zur Veröffentlichung eines Director Cuts des Kinofilms, denn eigentlich sollte Lynchs Machwerk ganze 4 Stunden laufen und vor allem waren wohl mehrere Darsteller der Serie am Set, haben Szenen abgedreht, die nie in die Endfassung gekommen sind und dementsprechend nicht mal einen Auftritt hatten. Ganze zwei Mal musste die Serie auf DVD in Einzelboxen und einer Goldbox veröffentlicht werden, bis im Jahr 2014 in der BluRay-Fassung „The Entire Mystery“ endlich jene 90 Minuten an Szenen separat zu sehen waren.

tp10Und was soll ich sagen: Jede einzelne Szene hat es mächtig in sich. Jede einzelne Szene hätte den Film unglaublich bereichert und vielleicht die Serie noch zu einer dritten Staffel geführt. Wer wie ich TP-Fan der ersten Stunde ist, wird sich die Box hauptsächlich wegen dieser Szenen zugelegt haben und es hat sich verdammt nochmal gelohnt! Wo andere Produktionen mit „Deleted Scenes“ aufwarten bei denen einem das Gähnen kommt, ist in diesem Falle jede Sekunde unverzichtbar und bereichert das Gesamterlebnis des Films ungemein.

tp7

Abschliessend möchte ich sagen, dass „Twin Peaks“ auch heute noch eine der BESTEN Serien aller Zeiten ist, die ein vollkommen neues Verständnis für das Potential des Fernsehens angekurbelt hat. Ich möchte gar behaupten, dass die Serie Wegbereiter für einige andere Produktionen gewesen ist, die man in dieser Form so nicht bekommen hätte, siehe „Lost“, „Hospital der Geister“, „American Gothic“, „Ausgerechnet Alaska“…um mal ein paar zu nennen. Selbst wer die Serie heute noch nicht gesehen hat, sollte sich vom Alter der Produktion nicht abschrecken lassen und guten Gewissens zu „Entire Mystery“-Box greifen und die Geschichte komplett in der bestmöglichsten Bild-Fassung geniessen. Einzig die beiden Romane „Das Tagebuch der Laura Palmer“ und „Dale Coopers Aufzeichnungen“ sind nicht im Set erhalten, ebensowenig wie die Specials in den bereits erschienenen DVD-Fassungen. Inhaltlich bleibt unterm Strich aber die vollständigste Fassung, die man sich von der Serie zu Gemüte führen wird. Wer das tut, wird die unglaubliche Magie und Atmosphäre dieses malerischen Örtchens in sich aufsaugen, sich gleichzeitig wünschen dort zu sein, wie auch möglichst weit davon entfernt zu bleiben…

tp12

4 Gedanken zu „„Twin Peaks“ – In einer kleinen Stadt….

  1. Ich habe damals, sehr jung, den Film gesehen und nicht verstanden, was die Leute daran fasziniert. Als ich ihn fertig gesehen hatte, war mein Verlangen nach der Serie erloschen. Viel zu verstörend und konfus für mich. Als ich dann aber vor kurzem von der Fortsetzung gehört hatte, habe ich mich tierisch geärgert, dass ich die Serie nicht damals geguckt habe.

    Irgendwann werde ich das doch mal nachholen, denn ich freue mich auf die neue Serie. Allerdings merke ich, dass alte Serien stärker genossen werden können, wenn man sie mit wöchentlichen Abstand guckt. Jetzt würde ich total impulsiv binge watchen.

    • Das mit dem Kinofilm ist in der Tat so eine Sache. Auch wenn er die Vorgeschichte darstellt, sollte er keinesfalls vorher geguckt werden. Wobei… ich hatte mal eine Freundin, die beim Pilotfilm in den ersten 20 Minuten fast eingeschlafen wäre. Ich konnte sie für die Serie erst begeistern, als ich ihr den Kinofilm zeigte, obwohl dieser vieles spoilerte. Danach erst hatte die Serie bei ihr gezündet. Also vor der neuen Staffel würde ich jedenfalls nochmal die ersten beiden Staffeln schauen. Ich denke, das ist unumgänglich. Binge?

      • „binge watching“ ist das Gucken vieler Folgen am Stück. Entsteht aus impulsiv.

        Die Serie hat, soweit ich mich erinnern kann, mehr Charaktere, u.a. den Komissar. Ich fand aber alles so merkwürdig. Daher machte es an sich keinen Unterschied, was ich zuerst gucke. Werde den Ratschlag aber beherzigen.

      • Also tatsächlich ist durch die Veröffentlichung der deleted Scenes jetzt ein Großteil des Casts im Film dazugekommen, die es nicht in den finalen Cut geschafft hat.😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s