„Betty Blue“ – Wenn die Welt zu klein wird…

betty0Heute stelle ich Euch das Liebes-Drama „Betty Blue – 37,2° am Morgen“ vor. Dieser fast vergessene Film aus dem Jahr 1986 behandelt mit eindrucksvollen Bildern die Liebe zweier Aussteiger die sich füreinander emotional aufopfern. Intensität pur für den Zuschauer gleichermaßen wie eine Achterbahn der Gefühle…

betty1Betty liebt Zorg und Zorg liebt Betty! Die beiden schlafen regelmäßig und sehr intensiv miteinander, verführen und verwöhnen sich. Sie leben in einem idyllischen Feriendorf im französischen Gruissan-Plage in einem kleinen Holz-Bungalow. Die beiden halten sich als Maler und Lackierer über Wasser. Als Betty in einem Papp-Karton das handschriftliche Manuskript eines Krimis entdeckt und liest, das Zorg einst verfasst hat, wächst dieser in ihrem Ansehen. Sie glaubt in dem jungen Mann das Potential eines erfolgreichen Autors erkannt zu haben. Trotz Zorg Unpünklichkeit am Arbeitsplatz und dem darauf folgenden Einlauf seines Chefs, nimmt sie ihn emotional in Schutz, was in Handgreiflichkeiten mit Zorgs Chef resultiert. Als krönenden Abschluss zündet Betty den gemeinsamen Bungalow an worauf die beiden sich auf und davon machen um in Paris ein neues Leben zu beginnen.

betty2Dort leben und lieben die beiden in einem Hotel einer verwitweten Freundin Bettys, die kurz darauf einen neuen Partner kennenlernt, den Inhaber eines italienischen Restaurants. Derweil tippt Betty Zorgs Manuskript ab und verschickt es an einen Verleger, der es mittelst destruktivster Kritik ablehnt. Darauf greift Betty den Verleger körperlich an und kommt auf die Polizei-Wache. Dank Zorgs charmanter Art und einer großen Portion unverschämten Glücks, sowie kleinkrimineller Tendenzen kommt die junge Frau wieder frei. Doch kurz darauf knallen ihr wieder die Sicherungen durch, als sie, im Restaurant jenes Freundes arbeitend einer unzufriedenen Kundin eine Gabel in den Oberarm rammt.

betty8Und erneut beginnt Zorg ein neues Leben mit Betty im Elternhaus der verstorbenen Mutter des Restaurant-Besitzers. Diesmal versuchen sie ihr Glück als Klavier-Verkäufer. Sie lieben sich immerhin nach wie vor intensiv. Zorg würde einfach alles für seine ihn motivierende Betty tun. Als Betty glaubt schwanger zu sein, scheint das Schicksal für die beiden einfach perfekt auf ein Happy End zuzusteuern. Doch als sich der Umstand Bettys als Irrtum herausstellt, kommt es zur schleichenden Katastrophe. Die immer mal durch ihre explosionsartigen Anfälle auffällige Betty richtet ihre Aggression und ihre Wut nun gegen sich selbst. Und so sehr Zorg auch versucht, seine Liebste vor der Unvermeidbarkeit der völligen Selbstzerstörung zu bewahren, so sehr ist Betty bereits unwiderbringlich auf einem Kurs abwärts in die Hölle des Wahnsinns verfallen…

betty9„Betty Blue“ ist ein einfühlsames Beziehungs-Drama zweier Menschen, die jeder auf ihre Art unterschiedlich mit ihrer Trostlosigkeit umgehen. Beide Charaktere sind sehr aufeinander fixiert und sexuell zueinander hingezogen. Ihre Leidenschaft und gegenseitige Anziehung ist allgegenwärtig, ebenso wie der Versuch sich ein eigenes Domizil zu errichten. Doch während Zorg seinen Lebensinhalt nur darauf ausrichtet, Betty glücklich machen zu wollen, ignoriert er dabei die schleichenden und sichtbaren Vorzeichen von Bettys bipolarer Borderline-Störung. Mal ist sie leidenschaftlich und zutiefst motiviert, ihren Liebsten Zorg auf ein Podest zu stellen. Dann hat sie ihre explosionsartigen Anfälle, in denen sie sich nicht mehr unter Kontrolle hat und sich und andere zunehmd gefährdet. Durch das Nicht-Thematisieren ihrer geistigen Krankheit führt er sie letztendlich in den Abgrund, in dem er sie eigentlich nicht haben wollte.

betty4Zwar handelt es sich bei dem Inhalt des Films um ein sehr ernstes Thema, das einen regelrecht zuschnürt. Dennoch ist der Film tatsächlich überwiegend sinnlich und heiter inszeniert. Seine Genialität ist vor allem darin begründet, dass Zorg jeden Polizisten zu nehmen weiss und dessen tiefste Bedürfnisse entlarvt.  Tatsächlich brilliert der von Jean-Jacques Beineix inszenierte Film aber durch seine wunderschönen Farben und Film-Aufnahmen, Landschaften und zärtliche Klavier-Kompositionen. Und gerade dadurch entführt der Film in die Wahrnehmung von Zorg, der den schleichenden Verfall seiner Partnerin nicht wahrhaben möchte. Genauso ist man als Zuschauer in den letzten 10 Minuten wahrlich schockiert und üer den Haufen geworfen von der Wahrheit und den unmittelbaren Auswirkungen und finalen Entscheidungen.

betty7Die Besetzung der beiden Hauptdarsteller mit dem sehr jungen Jean-Hugues Anglade und der ebenfalls noch sehr jungen Beatrice Dalle (noch mit kleinerer Zahnlücke als gewohnt) weiss zu überzeugen. Die beiden wirken wie ein echtes Paar, ihre sexuelle Zweisamkeit ist zärtlich und wirkt alles andere als gestellt. Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass die beiden tatsächlich miteinander verkehren. Beatrice Dalle entspricht dem idealisierten Frauenbild der 80er Jahre. Sie ist schön, kurvenreich, leicht vulgär und vor allem unrasiert. Anglade hingegen schlacksig und sehnig wie ein Tour-de-France-Radfahrer.

betty5Der Film jagt dem Zuschauer oftmals ein überfordertes Lachen über die Lippen, wenn etwa Zorg von einer sexuell unterforderten Nachbarin zum Cunnilingus animiert wird.

Alles in Allem handelt es sich mit „Betty Blue“ um einen inhaltlich eher einfach erzählten Film in wunderschönen Bildern und Impressionen, die ihresgleichen suchen. Mit jeder seiner Einstellungen atmet der Film ein echtes Sommergefühl seinem Publikum entgegen.

Der Film basiert auf einem Roman von Philippe Dijan. Da ich diesen nicht gelesen habe, habe ich keinen Vergleich zur literarischen Vorlage.

betty6Bemerken möchte ich aber, dass der Film in zwei verschiedenen Fassungen vorliegt. Schon die Kinofassung ist mit 120 Minuten ein recht intensives Stück Film, seine besondere Kraft und Schönheit entfaltet „Betty Blue“ erst in dem ihr gerecht werdenden Directors Cut. Ich möchte den Film allen hochsensiblen Menschen empfehlen, die sowohl empathisch mit ihrer Umwelt als auch ihren Mitmenschen umgehen.

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