„Lone Star“ – Von Vätern und Söhnen…

ls0Was ist „Lone Star“ für ein Film? Diese Frage stellte ich mir bei einem Rewatch des Films, den ich vor vielen Jahren im Kino gesehen habe. Ist es ein Western? Ein Krimi? Ein Familiendrama? Irgendwie nichts davon und dennoch alles in allem. Jedenfalls ein besonderer Film, der in über 2 Stunden von der ersten bis zur letzten Minute mit leisen Tönen zu fesseln weiss…

ls1Der Film spielt in einer texanischen Stadt an der Grenze zu Mexiko. Wie viele spannende Geschichten, beginnt auch „Lone Star“ mit dem Fund einer Leiche, von einem Forensiker im Film treffend als Schlanki und nicht als Stinki gekennzeichnet, was sich auf das Alter des Fundes bezieht. Denn tatsächlich handelt es sich bei dem Fund um ein bereits 40 Jahre altes Skelett, dass anhand eines anbei gefundenen Sheriff-Sterns auf den damals verschwundenen Charlie Wade deutet. Doch wurde vor 40 Jahren nicht gründlich gesucht um die Leiche viel früher zu finden? Nun, das lag wahrscheinlich am Charakter von Sheriff Wade….

ls7Man muss es sagen, wie es ist. Wade war alles andere als ein beliebter Ordnungshüter. Im Gegenteil hatte er tüchtig Dreck am Stecken. Unter Gutheissung des Richters der Stadt wurden sämtliche Kleinkriminellen in Selbstjustiz erledigt, wenn die beiden nicht am Gewinn von Glücksspiel oder illegalen Einwanderungen beteiligt wurden. Das wusste jeder im Ort und jeder hasste deswegen Charlie Wade abgrundtief. So sehr, dass es auch keinen scherte, als er eines Tages plötzlich verschwand und sein ehemaliger Deputy Buddy Deeds, seinen Posten übernahm. Ab da wurde alles besser im Ort, so schien es….tja, bis Buddys Sohn Sam Deeds (nun auch Sheriff vor Ort) eben 40 Jahre später Wades skelettierte Leiche findet, neugierige Fragen stellt und nachforscht.ls8Trotz der Beliebtheit von Sheriff Buddy hatte Sam immer ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Vater, was vor allem daran lag, dass ihm der Umgang mit seiner ersten Freundin, einer Mexikanerin namens Pilar verleidet wurde. Anhand verschiedener Infos stößt Sam in das Horn, dass Buddy Charlie Wade getötet haben könnte. Das passt den Geldgebern der Stadt so gar nicht, immerhin wird just Sheriff Buddy ein Denkmal gesetzt und eingeweiht. Doch es ist nicht nur die Vergangenheitsbewältigung Sam Deeds, die im Film behandelt wird. Auch geht es um den Barkeeper Otis, der unverhofften Besuch seines Sohnes, einem in die örtlichen Kaserne versetzten Generals, erhält. Und es ist auch die Geschichte Pilars und deren Beziehung zu ihrer Mutter Mercedes, die ein Café betreibt und Einwanderern aus Mexiko eine Chance zur Integration bietet.

ls5Und alles steuert letztendlich auf einen spannenden Showdown hin, in dem sich die Handlungsstränge miteinander verknüpfen und ein paar überraschende Antworten auf Fragen hinterlassen, wie man sie nicht erwartet hat…

Schon beim ersten Sehen von „Lone Star“ ging ich mit einem guten Gefühl aus dem Kino und auch heute noch, 18 Jahre nach dem ersten Sehen habe ich den Film mit dem Blick eines Erwachsenen nochmal intensiver verstanden und wahrgenommen. Inhaltlich ist es ein sehr reifer Film, dessen Handlungsträger viel über ihre eigene Vergangenheit reflektieren, validieren und revidieren.

ls9Vor allem stellt der Film in Frage, was dominante Väter von ihren Söhnen erwarten, oder was die Söhne glauben, dass ihre Väter von ihnen erwarten würden. Es geht um Abgrenzung und Verinnerlichung. Und alles in allem hochintelligent umgesetzt. Obwohl der Film durch sein Setting natürlich ein gewisses Wild-West-Image aufweist, ist der Film zu 99% sehr ruhig und in schönen poetischen Bildern in Szene gesetzt. Besonders gelungen sind vor allem die Überblendungen zu den Rückblicken. Wenn etwa Sam Weggefährten oder Zeitgenossen von Charlie und Buddy an Orten des Geschehens befragt, wird durch einen geschickten Schwenk die Szene vergegenwärtigt eingeblendet. Ein intelligenter Kniff.

ls6Musikalisch ist der Film eher dezent untermalt, was aber absolut zum Gesamtbild des Films passt. Wer mit Western und Krimis vertraut ist, erkennt viele Stereotypen wieder, die aber entgegen ihres Klischees eingesetzt und quasi dekonstruiert werden. Der 1996 von John Sayles unabhängig von Hollywood gedrehte Film begeistert mit seiner Besetzung. Ein noch sehr junger Matthew McConaughey als Buddy Deeds in einer kleinen großen Rolle, über die mehr gesprochen wird, als dass er tatsächlich darin zu sehen ist. Kris Kristofferson als sadistischer und korrupter Charlie Wade, den man in seinen wenigen Szenen von Herzen hassen lernt. Chris Cooper als introvertierter Sam Deeds, dem es so schwer fällt in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Und auch die großartige Frances McDormand, die hier ganz in der Tradition der ihr artvertrauten Filme der Coen-Brüder die durchgeschepperte Ex-Frau von Sam spielt. Sie alle tragen dazu bei, dass mit „Lone Star“ ein kleines stilles und unbemerktes Meisterwerk in der Filmwelt vorhanden ist, das hiermit hoffentlich ein bisschen mehr Bekanntheit erlangt.

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