Tobias Knopp – Abenteuer eines dicken Gents!

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Wer Comics liest, kommt früher oder später an Urvater Wilhelm Busch nicht vorbei. Mit seinen drolligen Reimen und humorvollen Zeichnungen und frühen Beispielen von Comic-Elementen wie Speedlines und Übertreibung verzaubert der Meister seit über 100 Jahren die Leserschaft. Und trotz seines ungebrochenen Erfolgs sind kaum Verfilmungen seiner Werke bekannt. In dem Sonntag-Vormittags-Angebot der dritten Programme taucht hin und wieder die Realverfilmung von „Max und Moritz“ oder der „frommen Helene“ auf. Aber was ist mit Zeichentrickfilmen? Doch! Da hat es genau einen einzigen gegeben: „Tobias Knopp – Abenteuer eines Junggesellen“…

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Tobias Knopp hat ein wenig zu lange gewartet. Der unfreiwillige Single ist völlig aus dem Leim gegangen, kahl geworden… kurzum: Der Lack ist ab. Und nun kommt ihm die Idee, dass er sich ja mal schlussendlich vermählen könnte. Aber nun will noch die richtige Frau gefunden werden. Also begibt sich Tobias Knopp auf eine Odyssee durch die deutschen Lande, um sich von seinen bereits langjährig vermählten Freunden Tipps und Inspiration einzuholen, wie man denn nun eine Frau kennenlernen und erobern kann. Auf seiner Reise lernt Knopp so einiges über die Facetten des Ehelebens. Nach unzähligen Abenteuern kommt er frustriert nach Hause zurück. Wird er jetzt letztendlich bis zum Lebensende ein einsames Dasein fristen müssen?…

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„Tobias Knopp – Abenteuer eines Junggesellen“ ist der erste abendfüllende Zeichentrickfilm der deutschen Nachkriegszeit aus dme Jahr 1949. Der vollständig in Schwarz-Weiss inszenierte Kinofilm erweckt die Zeichnungen Wilhelm Buschs zum Leben. Gerhard Fieber, der bereits im dritten Reich im Auftrag von Joseph Goebbels versuchte Deutschland im Sektor des Zeichentrickfilms auf Disney-ähnliches Niveau zu heben (und kläglich daran gescheitert ist), drehte den Film. Bekannt ist er auch für den animierten Vorspann der „Drei Damen vom Grill“ und den ersten Spots der Mainzelmännchen. Die Vorlage Wilhelm Buschs ist fast schon als frühe Graphic Novel zu bezeichnen. Der ebenfalls ewige Junggeselle Wilhelm Busch hat in der Geschichte sicherlich viele eigene Erlebnisse und Beobachtungen über die Ehen anderer Leute verarbeitet. Tatsächlich handelt es sich bei der Vorlage sogar um eine Trilogie, deren zweiter Teil Knopps Eheleben und der dritte Teil seine Rolle als später Vater veranschaulicht. Erstaunlich ist, dass auch in der filmischen Umsetzung ein „Teil 1“ im Vorspann genannt wird; möglicherweise spekulierte man bei Erfolg an der Kinokasse noch auf eine Verfilmung der letzten beiden Drittel.

BildSowohl der Comic als auch der Film stellen mit Tobias Knopp einen typischen wohlhabenden Kleinbürger in den Mittelpunkt. Die Geschichte funktioniert ähnlich eines Bildungs- und Entwicklungsromans, bei dem die Hauptperson viel über das Leben lernt und daraus eigene Schlussfolgerungen zieht. Die Freunde Knopps, die ihm begegnen stellen allesamt schrullige Extreme von Ehe- und Familienleben dar. Frauen betrügen ihre Ehemänner, Ehemänner ihre Frauen, manch einer verkloppt vorsorglich seinen Sohn, damit er sich benimmt (was nur zur Folge hat, das dieser erst recht Unsinn macht) ein anderer ist die Kinderliebe in Person. Es wird gar völlig makaber, als Tobias mit einem Freund auf den Tod dessen Frau und auf die wiedergewonnene Freiheit anstößt. Die Geschichte führt ein jedem vor Augen, dass allzuviel des Guten oder Schlechten ungesund ist. Immer im Spiel ist auch der Alkohol, dessen Konsum von allen Altersklassen (!) die Situationen regelmäßig eskalieren lässt.

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Animationstechnisch bewegt sich der Film auf solidem Niveau. Ambition und Nähe zur Vorlage ist jederzeit zu erkennen, was nicht über die hölzern stolpernde Erzählweise hinwegtäuscht. Musikalisch und stimmlich ist der Film trotz vieler bekannter Sprecher eher spartanisch synchronisiert. Wo Buschs Comics immer als perfekte Symbiose von Bild und Schüttelreim funktionieren, wird im Film vieles einzig und allein unkommentiert der Bildsprache überlassen. Nichtsdestotrotz bleibt der Film ein Unikum als animierte Busch-Verfilmung und ist absolut sehenswert. Immerhin ist hier (trotz der etwas naiven Altersfreigabe ohne Altersbeschränkung) ein früher Zeichentrickfilm für erwachsenes Publikum in deutschen Landen entstanden, der lange seinesgleichen suchen sollte. Einzig und allein die deutsche DVD, die uns den Film zugänglich macht ist ohne Hintergrundinfos oder visuelle Aufwertung eher eine unwürdige Umsetzung für ein letztendlich sehr charmantes Werk.

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