Hideo Azuma steigt aus… – „Der Ausreißer“ von Hideo Azuma

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Es gibt sie immer wieder in unserer Gesellschaft: Leute, die keinen Bock mehr auf ihr alltägliches Leben haben und sich ohne Worte von Heute auf Morgen absetzen. Einer davon war/ist der japanische Comic-Zeichner Hideo Azuma. Kein Bock mehr auf Deadlines, den hektischen japanischen Alltag und seine ewig nörgelnde Ehefrau beschliesst er, ein Leben als Obdachloser zu führen. Nach seiner turbulenten Oddyssee in die Gesellschaft zurückgekehrt verarbeitet er seine Erfahrungen in seinem autobiografischen, mehrfach preisgekrönten Comic „Der Ausreißer“…

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Shissō Nikki“ im Original bedeutet „Tagebuch des Verschwindens“ und ist eine Auseinandersetzung mit dem Leben auf der Straße. Hideo Azuma hat in den 70ern einen großen Boom gehabt mit Manga- und Anime Serien wie „SOS Nanako“ oder „Pollon“. Doch irgendwann steigt ihm dieses Leben zu Kopf, pünktlich auf die Minute immer neue Ideen abliefern zu müssen. Also nahm er sich eine Decke von zu Hause mit und stellt sich dem Leben auf der Straße. Doch das ist gar nicht so einfach. Gerade als Raucher sammelt er immer wieder Kippen auf den Straßen ein und steht bald der Situation der kälteren Jahreszeiten gegenüber. Also beginnt er die Kälte mit Alkohol wegzuspülen. Doch als frischgebackener Sandler will er vollkommen auf sich allein gestellt sein und sieht davon ab, zu schnorren und zu betteln. Stattdessen geht er zum Altglascontainer und mixt sich regelmäßig aus den Resten in den alten Flaschen einen selbsternannten „Penner-Cocktail“.

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Seine Nahrung besorgt er sich aus Müllcontainern. Diese Lebensbedingungen führen dazu, dass Azuma krank wird und ein Alkoholproblem erleidet. Eines Abends wird er von der Polizei aufgefangen, worauf man feststellt, dass er eigentlich einen festen Wohnsitz hat und ihn zurückbringt in die Wohnung, wo bereits seine Frau seit einem Jahr auf ihn wartet… Doch damit ist es nicht vorbei, denn Azuma fröhnt weiterhin dem Alkohol, beschreibt seine Trink-Exzesse und auch die damit verbundene Gewöhnung an die Sucht. Azuma steigt erneut aus und muss kurz darauf bei einer Maßnahme der Regierung zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft teilnehmen. Dabei lernt er körperliche Arbeit, sowie viele interessante Menschen kennen, die auf ähnliche Weise abgestürzt sind, wie er selbst.

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Schon nach kurzer Zeit erwacht Azumas zeichnerische Kreativität wieder zur Belustigung seiner Kollegen. Und wie es das Schicksal will, ermöglich es Azuma, wieder in seinen alten Job als Comic-Zeichner zurückzukehren. Doch hat er etwa aus diesen Erlebnissen gelernt? Iwo! Er wird zum Workaholic, zusätzlich zum Tabak und zum Alkohol abhängig von Aufputschmitteln und landet letztendlich für ein ganzes Jahr in der Endstation Entzugsklinik und trifft dabei alte Bekannte und neue Freunde wieder…

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Man muss jenen Hideo Azuma als Leser gleichermaßen bewundern, wie auch verurteilen. Einerseits spricht sein undiszipliniertes Verhalten gegenüber den Süchten Bände, andererseits ist die bewusste Entscheidung zur Obdachlosigkeit gerade in einem Land wie Japan bewundernswert und mit einem Hauch von abenteuerlicher Romantik belegt. Dabei erzählt Azuma seine persönliche Geschichte weder mit erhobenem Zeigefinger, geschweige denn als tragisches Drama in dem er sich selbst die Wunden leckt… – Nein, vielmehr nimmt Azuma die Rolle des selbstironischen Komödianten ein, der den Leser dazu bringen möchte über seine Unvollkommenheit zu lachen. Eigentlich ist nichts, was dem Mann widerfährt in irgendeiner Weise witzig, aber so wie er es erzählt und zeichnet, will er dass man über ihn und seine Lebensgeschichte gleichermaßen lacht, wie reflektiert.

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Der Comic erschien hierzulande beim Verlag Schreiber und Leser und hat 190 Seiten. Wer befürchtet, dass er somit zu wenig für sein Geld bekommt, der täuscht. Die kleinen Bilder und der üppige Text lassen den Comic zu einer anspruchsvollen Graphic Novel werden. Ich kann „Der Ausreißer“ all jenen empfehlen, die gerne mal einen anspruchsvollen Comedy-Manga lesen möchten.

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