Möge es uns erspart bleiben… – „Wenn der Wind weht…“

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Britische Zeichentrickfilme sind gut, oft hintersinnig, individuell und erwachsen… und gerade deswegen für Kinder mit Vorsicht zu geniessen. In einer Zeit in der Zeichentrickfilme hierzulande noch gleichgesetzt wurden mit Kinderunterhaltung kam mir im Alter von 7 Jahren der Film „Wenn der Wind weht“ im Rahmen des Nachmittagprogramms unter die Augen. Und obwohl dieser Film bis heute die Altersfreigabe ab 6 Jahren bekleidet, ist diese aus meiner Sicht irreführend. Und dennoch handelt es sich um ein sehr intensives Filmerlebnis, das man sich spätestens als Erwachsener mal zu Gemüte führen sollte…Bild

Die beiden Rentner Jim und Hilda Bloggs leben am äussersten Rande eines kleinen Vororts von London in einem schönen kleinen Haus. Es ist gerade Frühling, die Vögel zwitschern, alles grünt und blüht…ein rundum schöner Tag. Als Jim von der Bibliothek nach Hause kommt, hat er schlechte Nachrichten: Es sieht aus, als würde demnächst ein Krieg ausbrechen. Vorsichtshalber hat er Infobroschüren mitgebracht, wie man sich im Ernstfall zu verhalten hat. Eine Radiodurchsage bestätigt das Schlimmste: Russland wird in drei Tagen einen atomaren Erstschlag in England durchführen. Wie gut, dass Jim die Infobroschüren hat! Er schraubt alle Türen im Haus ab und baut daraus einen Bunker im Wohnzimmer. Er trifft sämtliche Vorsichtsmaßnahmen um mit seiner Frau die Explosion zu überleben…

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Kurz bevor die Bombe fällt, kriechen beide in den Bunker und machen es sich trotz großem Krach in ihrem Haus darin gemütlich. Sie erzählen einander Geschichten über ihre Kindheit im zweiten Weltkrieg und sind optimistisch, auch diese Krise zu überstehen. Als sie nach 48 Stunden aus dem Bunker kommen, finden sie ihr Haus in Trümmern vor. Sämtliche Fenster sind zersprungen und draußen ist alles grau, der Himmel ist bedeckt und keine Menschenseele ist zu sehen. Die beiden räumen auf, freuen sich über ihre gehamsterten Vorräte und beginnen auf die Ankunft des Katastrophenschutzes zu warten. Doch Tag um Tag vergeht und niemand ist in Sicht. Als das Wasser ausgeht, kommt der „rettende Regen“. Die beiden werden zunehmend kränker, Ratten nisten sich im Haus ein, Hilda fallen die Haare und Zähne aus und beide bekommen Ausschlag auf der Haut. Was ist nur los? Sie haben doch schliesslich alle Anweisungen akribisch befolgt!

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„Wenn der Wind weht“ ist ein aufwühlendes Anti-Atomtod-Drama, das durch seine Einfachheit nicht so schnell vergessen wird nach dem Ansehen. Als Kind der 80er wurde ich im letzten Schwung des kalten Krieges groß… nicht zu verwundern, dass ausgerechnet dieser Film nicht von mir im Alter von 7 Jahren hätte gesehen werden dürfen. Ohne entsprechende Erläuterung konnte ich genausowenig wie Jim und Hilda nachvollziehen, was da eigentlich mit ihnen passierte. Warum sie krank wurden, warum sie dahinsiechten und vor allem nicht, warum keine Rettung kam. Die Folge war, dass ich jahre- wenn nicht gar Jahrzehnte von den Inhalten dieses Films träumte. In meinen Träumen fabulierte ich den Inhalt gar weiter, versetzte die Handlung in die Großstadt oder dichtete den beiden Tiere an, die sie auf ihrem Bauernhof zu versorgen hatten. Doch all das bietet der Film nicht an. Es gibt nur Jim, Hilda, das Haus und die Situation. Keine Tiere, keine Nachbarn, keine vorbeischleichenden Zombies, keine Nachricht und keine Aufklärung. Das Ganze wirkt wie ein makabres Kammernspiel; nicht verwunderlich also, dass der Stoff mittlerweile als solches für die Bühne adaptiert wurde…

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Der Film ist mit viel Aufwand und Liebe zum Detail umgesetzt. Bei dem Haus der Bloggs handelt es sich um ein Modell, die Figuren hingegen sind gezeichnet. Es wurde viel mit Animationsstilen experimentiert: Rotoskopie, Schraffur, Glasplattenanimation, Cel-Animation, Puppentrick-Animation…alles findet seinen Platz in diesem kleinen besonderen Film. Kein Wunder, immerhin stehen hinter dem Projekt die beiden Köfe von John Coates und Jimmy Teru Murakami, die bereits an Projekten wie „Yellow Submarine“ oder „Heavy Metal“ arbeiteten. Mit „Wenn der Wind weht“ animierten sie nicht zum ersten Mal einen Comic von Raymond Briggs, der eigentlich ein Faible für Weihnachtsgeschichten hat und durch seinen Oscar-prämierten Kurzfilm „The Snowman“ weihnachtlichen Weltruhm erlangte. Doch Briggs bewies zwischen den Geschichten vom Schneemann, dem Eisbären oder Father Christmas, dass er auch einen Sinn für anspruchsvolle und autobiografische Themen hat.

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Bereits in seinem Comic „Gentleman Jim“ stellte er Jim Bloggs als philosophischen Toilettenmann vor, der darüber nachsann, was er nicht alles hätte beruflich werden können. Der Comic „Strahlende Zeiten“ hingegen lieferte die Vorlage zum vorgestellten Film. Briggs setzte sich mit der mangelnden Aufklärung der britischen Regierung auseinander und visionierte mit der Geschichte, wie sich wohl ein Ehepaar der Generation seiner Eltern in einer solchen Situation verhalten würden. Das Ergebnis ist aufrüttelnd. Jim und Hilda stehen stellvertretend für vielerlei liebe und ältere Bezugspersonen. Auch ich kann meine Großeltern darin wiedererkennen. Mit dem Comic „Ethel und Ernest“ beendete Briggs seine autobiografische Idee mit einer tatsächlichen Nacherzählung der Kriegserlebnisse seiner Eltern.

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Die Musik des Films stammt von David Bowie und Roger Waters. Die deutsche DVD ist schon vor etlichen Jahren erschienen, taucht immer wieder günstig im Fachhandel auf, und ist bis heute meistens bei den Kinderfilmen einsortiert…

Schaut Euch den Film oder die Comic-Vorlage an, wenn Ihr eine innerliche Distanz zum Thema „Atomkrieg“ besitzt und seid dessen Gewahr, dass es vor 25 Jahren noch gar nicht so unwahrscheinlich war und jederzeit hätte passieren können. Drum sorgt nach dem Schauen des Films dafür, dass es in den nächsten 25 Jahren nicht nochmal soweit kommt.

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