Wer sind die „Mumins“?

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Mumin, Muminvater, Muminmutter, Snorks, Hatifnatten, Morra, Snufkin,  Mümla, Klein-Mü, Schnüfferl, To-Tikki,  Filifjonka, Tofsla, Vifsla… Weiss einer, wovon ich spreche?  Ein eigener kleiner Mikrokosmos namens „Mumintal“ lässt mich seit meiner Kindheit nicht mehr los. Wie gerne wäre ich dort, wie gerne wäre ich einer von ihnen… ich bin sicher, der Ort existiert! Ohne Zweifel! Werft mit mir einen Blick auf eine der wunderbarsten Kreationen Skandinaviens und erfahrt mehr über : Die Mumins!

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Wenn wir an skandinavische Kinderbuchautorinnen denken, kommt den meisten mit Sicherheit eine gewisse A. Lindgren in den Kopf. Eine meiner Meinung nach weit bedeutendere Künstlerin ist Tove Jansson gewesen, die im Jahre 1945 mit dem Buch „Mumins lange Reise“ den Grundstein für die Welt der Trolle legte. Die Muminfamilie sieht zwar aus, als würde sie zur Gattung der Dickhäuter zählen, aber nein, tatsächlich sind es Trolle! Sie sind ca. 50 Zentimeter groß, haben Schwänze und sind weiss. Die artverwandten Snorks unterscheiden sich durch Haarwuchs und Farbvariationen. Im ersten Buch suchen Mumin und seine Mutter den Muminvater und ein Zuhause. Dieses finden sie am Ende im Mumintal vor und einem Haus, das der Vater extra für sie gebaut hat und einem alten Ofen nachempfunden hat. Denn Mumintrolle haben einst hinter Öfen gelebt, heisst es. Sie mögen es nämlich warm. Und was sie ebenso mögen ist das Wasser. Sie schwimmen und tauchen gerne, angeln und fahren gerne Boot. Zueinander sind sie stets freundlich und verständnisvoll. Und was machen die so den ganzen Tag? – Das Leben geniessen!

BildSchon im zweiten Buch erleben die Mumins bereits ihr wohl aufregendstes Abenteuer „Komet im Mumintal“. Wie der Titel des 1946 erschienenen Buches verrät, steht eine Katastrophe bevor, die das Mumintal zu vernichten droht. Also muss ein sicherer Schutzraum gefunden werden. In diesem Band treffen Mumin und sein Freund „das Schnüfferl“ unterwegs drei Charaktere, die den Leser bis zum Ende hin begleiten werden: Den unabhängigen Lebenskünstler Snufkin, der gerne Pfeife raucht und Mundharmonika spielt und alles Besitz abschwört, sowie den Snork und seine Schwester Snorkfräulein, in die sich Mumin sofort verliebt. Dieses Abenteuer, das in seiner Erzählstruktur ein wenig an Fantasy-Romane a la „Der kleine Hobbit“ oder „Taran und das Buch der Drei“ erinnert ist so ziemlich das einzige, das mit einer Bedrohung aufwartet, die den Mumins wirklich gefährlich werden könnte. Ab dem dritten Band geht es folglich weit friedlicher zu.

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Denn im 1948 erschienenen Buch „Mumins – Eine drollige Gesellschaft“ wird die Beziehung der Figuren und ihr Umgang miteinaner gefestigt. Als Aufhänger dafür dient ein gefundener Zauberhut, der aber nicht als solcher erkannt wird und für reichlich lustige Einfälle sorgt. Taschentücher werden zu reitbaren Wolken, Mumin verwandelt sich, eine gemeinsame See-Reise wird unternommen, es kommt zu einer Begegnung mit den mysteriösen Hatifnatten und das düstere Wesen Morra offenbart sich. Am Ende wird der Leser dann noch mit der Herkunft des Zauberhuts überrascht. Der dritte Band der Mumin-Saga strotzt nur so vor guter Laune und Abwechslung. Es ist ein Buch zum immer wieder Lesen und vor allem Vorlesen. Kurze Abenteuer, die durch die Anwesenheit des Zauberhuts einen roten Faden besitzen.

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Das vierte Buch aus dem Jahre 1950 stellte einen kleinen Bruch in der bisherigen Erzählweise dar, da Mumin dort eine untergeordnete Rolle spielt. Es geht nämlich, wie der Titel schon sagt um „Muminvaters wildbewegte Jugend“. Bereits in den vorigen Büchern hatte der Muminvater an seinen Memoiren geschrieben, die in diesem Buch mit einer eigens von ihm vorgetragenen Autorenlesung ihre Premiere feiern. Innerhalb der turbulenten Waisenkindgeschichte entpuppt sich, wie der Muminvater die Welt bereiste und dabei die Väter von Snufkin und vom Schnüfferl kennenlernte. Ausserdem wird ab diesem Buch ein neuer Charakter eingeführt, nämlich Snufkins Halb-Schwester Klein-Mü.

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Das fünfte Buch „Sturm im Mumintal“ liess ganze vier Jahre bis 1954 auf sich warten. Es konfrontiert die Muminfamilie mit einer kleinen Katastrophe, der Überschwemmung des gesamten Mumintals. Doch heiter wie die Mumins sind, machen sie das beste aus der Situation und quartieren sich vorübergehend in einem angeschwommenen Theater ein. Des Weiteren unternimmt Schnupferich Snufkin eine kleine Odyssee für sich und sorgt dafür, dass sämtliche Verbote aus einer Parkanlage verschwinden. Dieses Buch ist thematisch  sehr an der Autonomie jedes Individuums interessiert und hat schon gar anarchistische Ansätze. Es geht um das Brechen von Tabus und Verboten. Wenn man sich mit der Lebensgeschichte Tove Janssons beschäftigt, wird deutlich, dass sie in diesem Buch eine Auseinandersetzung zwischen Gesellschaftsnormen und ihrer eigenen Homosexualität spinnt.

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Das sechste Buch ist eine Auseinandersetzung mit der Einsamkeit. 1957 erschienen, behandelt es Depressionen während der dunklen Jahreszeit, die im Entstehungsland Finnland sicherlich um einiges intensiver ausfällt, als hierzulande. Die Mumins halten Winterschlaf und haben sich vorab mit Tannennadeln volgestopft. Doch plötzlich passiert es. Mitten im Dezember erwacht Mumin aus dem Winterschlaf und kann nicht mehr einschlafen. Alles ist dunkel, alles ist kalt, der Winter als Jahreszeit ist ihm fremd. Und das Allerschlimmste: Seine ganze Familie schläft! Er beginnt zu hoffen, dass er möglicherweise einen Freund unter dem Spülschrank finden wird. Draußen trifft er Wesen, die in den warmen Jahreszeiten nicht zu sehen sind und Schnee und Dunkelheit bestimmen die Grundstimmung des Buches. Und dennoch beginnt Mumin seine Freude an dieser Jahreszeit zu entdecken. „Winter im Mumintal“ ist beinhaltet das Überwinden der Depression und die Gewissheit, dass auf einen harten dunklen Winter ein warmer heller Frühling folgen wird.

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Der siebte Band „Geschichten aus dem Mumintal“ ist  im Jahr 1963 wieder ein Unikum geworden. Statt einer durchgehenden Geschichte, sind es mehrere Episoden, die den Leser erwarten und Eigenarten der verschiedenen Wesen im Mumintal beleuchten. Zum Beispiel wird die Geschichte der Filifjonka erzählt, wie sie sich in eine Katastrophen-Paranoia reinsteigert. Oder von Mumins Begegnung mit dem letzten existierenden Drachen der Welt. Oder vom Homsa, der seine kleine Schwester sucht. Die Geschichten sind alltäglich und nicht zwingend auf eine Überraschung hinauslaufend. Aber sie verkürzten die Wartezeit auf das nächste Buch, das zwei Jahre später erscheinen und einen wahren Höhepunkt darstellen sollte…

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1965 kam das achte Muminbuch „Mumins wundersame Inselabenteuer“. Die Figuren sind älter geworden und Muminvater erlebt einen Anfall von Midlife-Crisis und zieht mit der ganzen Familie auf eine einsame Insel in einen alten Leuchtturm. Dies ist das längste und psychologisch interessanteste Buch aus der Reihe. Die Charaktere setzen sich viel mit sich selbst und ihrer Persönlichkeit auseinander. Dadurch lernt man die Figuren von einer ganz neuen Seite kennen. Das achte Buch ist aus meiner Sicht ein sehr erwachsenes Buch voller Spannung und Selbstreflexion. Ich möchte auch gar nicht so viel darüber schreiben, denn all das was ich drüber schreiben könnte, würde dem Lese-Erlebnis nicht würdig werden.

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Eigentlich hätte man die Inselabenteuer bereits als würdigen Abschluß der Mumin-Reihe sehen, aber auf Drängen der Leser schrieb Tove Jansson noch ein letztes 9tes Buch erschienen 1970 mit dem Titel „Herbst im Mumintal“, in dem sie allen Freunden der Mumins unmissverständlich klarmachte: „Es ist vorbei! Findet euch damit ab!“. Und mit dieser Prämisse hat sie das traurigste Buch der Reihe geschrieben, denn die Mumins kommen in dem Buch nicht mal vor. Die Freunde der Mumins aus dem Mumintal suchen das Haus der Muminfamilie auf und finden es verlassen vor. Der Verbleib der Mumins bleibt ein Rätsel, stattdessen unterhalten sich die zurückgebliebenen Bewohner des Mumintals über ihre Beziehung zu der Familie. Das Buch steht für die Auseinandersetzung mit einem ernsten Thema: Dem Tod. Zwar wird nichts davon erwähnt, aber im Zusammenhang ist es offensichtlich: Die Mumins sind tot. Grund für dieses definitive Ende war sicherlich die Verarbeitung Janssons mit dem Tod ihrer eigenen Mutter. Man hat sie offenbar auf falschem Fuß erwischt, in dieser Lebensphase nach einem weiteren Mumin-Buch zu fragen und so bleibt es das letzte seiner Reihe.

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Und dennoch…neben den 9 Büchern gibt es noch 4 Bilderbücher und 5 Comic-Bände, allesamt, genau wie die Illustrationen in jedem der 9 Bände der Hauptreihe, von Jansson selbst. Und dann wären da noch die unzähligen wirklich tollen Verfilmungen. Mehrere japanische Zeichentrickserien, ein Kinofilm, eine polnisch-österreichische Stop-Motion-Serie und mehrere Inszenierungen der Augsburger Puppenkiste sprechen für sich. Wird es denn nicht langweilig, sich immer wieder die selben Geschichten anzusehen? Das kann ich eindeutig mit einem NEIN beantworten, denn die Mumin-Geschichten leben vom Detail. Das Lesen der Bücher regt die Fantasie an. Tove Jansson hat durch ihre Illustrationen klar definiert, wie man sich Mumintrolle, das Mumintal und die anderen darin beheimateten Wesen vorzustellen hat. Und dennoch steckt soviel zwischen den Zeilen, das man sich vorstellen kann. Eine unglaubliche Mischung aus Kinderbuch und tiefenpsychologischer Analyse. Eine Erfahrung für Kinder und Erwachsene, zeitlos in ihrer Thematik; Ein Meilenstein der Literatur, leise Töne. Ach, was soll ich sagen: Ich liebe die Mumins! Lernt sie bitte auch lieben, wenn Ihr es nicht bereits getan habt!

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6 Gedanken zu „Wer sind die „Mumins“?

  1. Die MUMINS!
    Ich weiß noch ganz genau wie gerne ich sie im Fernsehen schaute, ich das aber schon seit meiner Kindheit nicht mehr wiederholt habe. Ich weiß noch heute wie ich damals Schiss vor „Morra“ hatte, dem unheimlichen schwarzen Wesen mit dem starren Blick – erinnerte mich an einen Nachbarn meiner Oma, der mich manchmal auch immer so komisch anstarrte.

    Und yeah – im Tamperer Mumin-Museum war ich auch schon – vor etlichen Jahren und nun ohne große Erinnerung daran. 😀

  2. Zeichentrick war bis zu den 90ern einfach viel besser für Kinder. Jetzt bin ich zwar nicht auf dem neusten Stande, aber ich vermut mal das die von heutzutage nicht sehr gut sind.

    • Liebe Lilly!

      Vielen Dank für Deinen Kommentar. Wenn Du ein wenig in diesem Blog stöberst, wirst Du feststellen, dass Zeichentrickfilme grundsätzlich ein allgemeines Medium sind, das sowohl Kinder, als auch Erwachsene ansprechen kann. Pauschal lässt sich sagen, dass es heutzutage genausoviel Schund im Kinder-TV gibt, wie früher und genausoviele pädagogisch wertvolle Produktionen. Ein wesentlicher Faktor allerdings ist, dass zunehmend amerikanische Produktionen die Medienlandschaft dominieren, wohingegen bis zur Mitte der 90er (und in dem Bereich stimme ich zu) viel mehr internationale Produktionen aus England, Italien, Japan, Polen, der CSSR und der UDSSR von den deutschen Sendern eingekauft wurden, als heute noch. Dadurch wirkte das Gesamtbild vielfältiger, aber qualitativ gab es schon immer gravierende Unterschiede. Und auch ein tragender Punkt ist, dass heutzutage immer mehr CGI-Animation zu sehen ist und diese mit ihrer hohen Bildfrequenz-Rate für das Auge eines kleinen Kindes nicht so einfach zu verarbeiten sind, wie eine klassische Lege- oder Zeichentrick-Animation.

      Lieben Gruß

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