Herrscher der Zeit – Ein ganz besonderer Film

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In der Tat ein besonderer Film. Wie viele Gesuche im Internet und ganze Laudatio-Webseiten beweisen, hat genau dieser Film eine unglaubliche Faszination auf all jene ausgeübt, die ihn als Kind gesehen haben. Ist es lediglich der verklärte Blick eines Kindes, das diesen Film in den Zeichentrick-Olymp hebt? Oder entzaubert der Film, sobald man ihn als Erwachsener wiedersieht?zeit5

„Herrscher der Zeit“ von René Laloux basierend auf einem Buch von Stefan Wul ist nicht nur ein x-beliebiger Zeichentrickfilm von vielen. Nein, das sage ich nicht nur, weil Science Fiction aus meiner Sicht das ohnehin großartigste und vielseitigste Medien-Genre ist. Vielmehr ist es die Kombination vieler Elemente und beteiligter Personen, die den Film zu etwas ganz besonderem machen.

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René Laloux ist in Frankreich als unkonventioneller Regisseur und Produzent von Zeichentrickfilmen der besonderen Art bekannt. Trotz der Tatsache, dass er sich des Zeichentrickfilms bedient, ist er vor allem dafür bekannt das erwachsene Publikum als Zielgruppe anzuvisieren. „Herrscher der Zeit“ ist einer von drei Science-Fiction-Zeichentrickfilmen in seiner Filmografie. Der visuelle Stil des Films jedoch ist der des kürzlich verstorbenen Zeichners Jean Giraud, der unter dem Künstlernamen „Moebius“ viele Comic-Alben im frankobelglischen Raum veröffentlichte, die vor allem für die Darstellung fremder Welten mit wenig Text bekannt sind. Basieren tut der Film auf einem Buch des Franzosen Stefan Wul, von dem kein einziges Werk je in deutscher Sprache erschienen ist.

zeit2Zudem ist der Film eine internationale Zusammenarbeit europäischer Zeichentrickstudios aus Deutschland, der Schweiz, Ungarn und Frankreich entstanden im Jahr 1982. Und trotz großer Namen und einem beeindruckenden Zeichenstil ist dieser Film über Jahrzehnte hinweg ein reiner Nischentitel gewesen. Der Film wurde jahrelang versteckt im Morgenprogramm des westdeutschen Rundfunks gesendet und ist an jeglicher Zielgruppe vorbeigegangen. Dennoch sahen einige diesen Film, ohne sich seinen Titel zu merken. Die einprägsamen Bilder des Films führten zu einem unbewussten kollektiven Interesse daran, herauszufinden, um was für einen Film es sich überhaupt gehandelt habe. Dass der Film überhaupt in Deutschland auf DVD erschienen ist im Jahre 2008 ist vor allem der Popularität der einzigen deutschen Fanseite http://www.herrscherderzeit.de/ geschuldet sein.

zeit3Aber worum geht es eigentlich? Ich rede und rede über die besonderen Vorzüge des Films, ohne ein Wort zur Handlung zu verlieren? Diese ist im Grunde genommen vergleichsweise schnell erzählt. Der kleine Junge Piel sitzt auf dem unwirtlichen Planeten Perdida fest und wird von einer Gruppe von Weltraumreisenden, die Funkkontakt zu ihm halten, gesucht. Es ist ein Film über eine Rettungsaktion, die aber nicht so leicht für Jaffar und seine Crew werden soll, denn zwischenzeitlich bekommt man es mit Wesen der Glückseligkeit und den Piraten von Gamma 10 zu tun. Und ganz am Ende offenbart sich, was es eigentlich mit dem Titel des Films auf sich hat und der Film wartet mit einer unglaublich tollen Schlußpointe auf, die an dieser Stelle nicht verraten wird.

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Die Geschichte des Films wird dabei relativ geradlinig und fast schon trocken und langsam erzählt. Und dennoch brennen sich die Bilder des Films jedem Freund der gezeichneten Animation ins Gehirn ein. So ausdrucksstarke Bilder gibt es in kaum einem anderen Zeichentrickfilm aus europäischen Landen. Ich möchte sogar fast sagen, dass es ein Film ist, bei dem es verwundert, DASS er überhaupt EXISTIERT. Die Musik des Film ist mystisch, die Animationen liebevoll, das Charakterdesign könnte unerfahrene Zuschauer zu der Vermutung verleiten, es handle sich um einen japanischen Zeichentrickfilm. Dem Film mangelt es im Storytelling durchaus ein wenig an Pfiff und Tempo; man muss sich auf ihn (wie auf viele Filme, die ich in diesem Blog vorstelle) einlassen wollen.

zeit10Die FSK6-Freigabe des Films ist angemessen, auch wenn ein gemeinsames Schauen mit Erwachsenen sicherlich von Vorteil für jüngere Zuschauer ist. Gerade das Paradoxon am Ende braucht mit Sicherheit Erklärung. Wer den Film nicht sieht, verpasst jedenfalls eine einmalige Produktion. Die Bilder des Films strahlen einen Zauber aus, der noch lange nach dem Schauen nachwirken wird. Zumal ist der Film derzeit für einen Spottpreis bei Amazon zu haben, also geht Ihr kein großes Risiko ein. Würde mich sowieso mal interessieren, ob einer der Leser aufgrund einer meiner Filmvorstellungen sich gesagt hat: „Den muss ich sehen!“😉

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6 Gedanken zu „Herrscher der Zeit – Ein ganz besonderer Film

  1. „Dem Film mangelt es im Storytelling durchaus ein wenig an Pfiff und Tempo…“

    Ich finde den Zeichenstil toll. Das ist altes Handwerk, aber das Erzähltempo ist erdrückend. Da es ein Sci Fi-Abenteuer ist, verstärkt das so gewisse Klischees. Ich habe mir das Ende nicht angesehen.

    Beim Charakterdesign dachte ich allerdings gleich an europäische Zeichner.

      • Na, was soll ich machen, wenn es mich nicht fesselt. So sehr hat mich das Visuelle nicht umgehauen. Es ist wie psychedelische Musik ohne Musik. Es hat aber was. Das Prblem ist für mich einfach, dass sich alles so hinzieht. Deswegen habe ich auch ein bisschen Angst, mir den anderen Film von Laloux anzugucken.

      • Also zum „wilden Planet“ habe ich ja auch einen Beitrag geschrieben. Er zieht sich weniger, ist allerdings ein inhaltlich bisschen uneindeutiger. Unterm Strich finde ich aber beide Filme sehr individuell und toll, weil sie einfach für sich stehen und es wenig bis gar nichts vergleichbares gibt.

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