„Raumschiff Enterprise“ – Was taugt „Star Trek“ noch?

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Und damit meine ich nicht „Star Trek“ als Franchise im Allgemeinen, sondern die erste Serie von 1966. Ja, als „Raumschiff Enterprise“ bei uns in Deutschland durch die erste Ausstrahlung im ZDF bekannt geworden mit der bekannten Crew um Captain Kirk, „Pille“ Mc Coy, Mr. Spock und dem ganzen Rest. Die Serie hat jetzt 47 Jahre auf dem Buckel! Ist sie aber immer noch unterhaltsam anzusehen? Bild

Halten wir erstmal einen unumstößlichen Fakt fest: Viele wesentlich jüngere Serien sind schlecht gealtert. Wie gruselig und spannend fand man damals in den 80ern „V – Die Ausserirdischen“? Was ist heute von „V“ übriggeblieben? Nicht mal ein Schatten seiner selbst, der nach den zwei Mini-Serien zu einem Denver-Clan/Dallas-Klon mit Ausserirdischen und Szenenrecycling verkommt. Und die Serie ist gerade mal halb so alt wie Star Trek – The Original Series (TOS)! Oder Serien wie „Ein Colt für alle Fälle“, „Knight Rider“, „Agentin mit Herz“, „Trio mit vier Fäusten“…. all jene liefen damals im TV und stellten uns Kinder ruhig, während die Erwachsenen bei Tisch saßen, sich laut nebenbei unterhielten, ihr Feierabendbier tranken und Kette rauchten. Und wir wagten nicht zu widersprechen! Aber stolperte man mal im TV über „Raumschiff Enterprise“ hatte umgehend das Mazl (Mäisel) der Erwachsenen gehalten zu werden!
„Der Weltraum…. unendliche Weiten….“ Schon bei dieser Einleitung wusste man, dass einen nicht das identische Story-Konzept der Vorwoche wie bei den anderen erwähnten Serien erwartet. Nein, hier wurde das „Unendliche“ beworben und dieses war auch Programm. So zumindest in meiner Erinnerung.

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Nun sind gefühlt 100 Jahre vergangen, seitdem ich die ursprüngliche Serie gesehen habe. Viele tolle Science Fiction-Serien und -Filme habe ich in der Zwischenzeit gesehen. Babylon 5, Firefly, Battlestar Galactica, Doctor Who, Earth², Fringe, Sliders, usw. – Zappt man am Vorabend bei Tele5 rein, wird man seit ein paar Jahren immer wieder in die weiteren Generationen von „Star Trek“ reinstolpern. The next Generation, Deep Space Nine, Voyager, Enterprise. Ich gebe zu: Ich habe noch keine von denen wirklich kontinuierlich gesehen und ein Einstieg hat mich aufgrund der Fülle an Episoden bislang immer abgeschreckt. Nun ist aber die alte Crew um Captain Kirk in den Medien wieder aufgetaucht und hat im Kino Fuß gefasst. Die zwei letzten Filme von J.J.Abrams sind quasi die Vorgeschichte dessen, was ich als Kind in „Raumschiff Enterprise“ gesehen habe. Die beiden Filme waren einfach nur bombig. Selbst wenn man nie etwas mit „Star Trek“ am Hut hatte, holen einen diese Filme als Zuschauer ab. Zwischen beiden Filmen hatte man ein paar Jahre Zeit immer mal wieder bei Tele5 in Star Trek reinzuzappen, stellte aber immer wieder fest, dass dies erzähltechnisch gar nicht so viel mit den Abrams-Filmen zu tun hatte und sich eher unspektakulärer präsentierte.  Und dennoch juckte es mich in den Fingern als ich sah, wie günstig die Komplettboxen der „Star Trek“-Serien derzeit auf Amazon stehen. Allein der Nostalgie wegen musste ich zugreifen. Ein Ausflug in die Medienwelt der Kindheit….wie so oft….

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Viel habe ich nicht erwartet. Und plötzlich passierte es. Die Serie hat mich so unglaublich gepackt, dass ich eine tägliche Dosis von 2 bis 3 Folgen brauche. Zugegeben, die Kulissen sind oftmals erkennbare Kulissen, die Kostüme sind ein Witz und die Farben und die Ausleuchtung schreien aus jeder Pore „60s-Alarm“. Und dennoch hat „Raumschiff Enterprise“ immer noch das, was ich auch schon als Kind so sehr an dieser Serie geliebt habe: Abwechslung und unverwechselbaren Charme. Es ist wieder da, das Gefühl, eine Produktion zu sehen, die mir wirklich weiss macht, eine Mannschaft mutiger Menschen reist durch die Unendlichkeit des Weltalls und wird mit Situationen konfrontiert, deren Ausgang nicht vorhersehbar ist. Die Serie hat natürlich ihre Klischees. Schaut man sich heutige Produktionen an, so hat man der „Political Correctness“ und dem „High Concept“ halber in jedem TV-Produkt eine große Bandbreite an Menschentypen und Ethnien. Man könnte „Raumschiff Enterprise“ vorwerfen genau der Vorreiter dieses Systems zu sein, aber wenn man sich anschaut, in welcher Zeit die Serie entstanden ist, so spiegelt mir die Multikultur der Crew eher eine aus damaliger Sicht optimistische Zukunftsvision wider. Die Serie spielt im Jahre 2200! Die Menschheit scheint sämtliche interkulturellen Konflikte beigelegt zu haben und handelt pazifistisch gegenüber ihrer Umwelt. Ja, man hat sogar schon Kontakte zu ausserirdischen Kulturen geknüpft, wie die Anwesenheit des Ausserirdischen Mister Spock vom Planeten Vulkan an Bord der Enterprise beweist. Kurzum: Die Menschheit hat im Jahre 2200 einen erstrebenswerten Status erreicht. Natürlich ist aber nicht jedes Volk im Weltall derart kultiviert, wie die Menschheit. So hat man zum Beispiel durchaus noch mit imperialistischen, faschistischen, kommunistischen oder kriegerischen Völkern im Weltall zu tun. Nicht in jeder Folge. Nicht jedes ausserirdische Wesen in der Serie ist gar grundsätzlich erstmal oder im Nachhinein ein Feind. Man hat zum Beispiel immer wieder naive Wesen dabei, die ihre Umwelt erkunden. Oder die um ihre Lebenserhalt kämpfen. Ja es gibt gar Wesen mit einem unumstößlichen Ehren-Kodex.

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Auch wenn die Serie keine durchgängige Handlung aufweist, hat man den roten Faden in einer 5-Jahres-Mission der Enterprise gesponnen, bei der man als Zuschauer nach und nach mehr über die Charaktere und ihre Hintergründe erfahren kann. Gerade Spock als Vulkanier, mit dem augenfälligen Merkmal von spitz zulaufenden Ohren gesegnet, ist eine interessante Figur voller Mysterien, deren Charakter sich zusehends erweitert. Ist zu Anfang noch bekannt, dass Spock eine menschliche Mutter und einen vulkanischen Vater hat, erweitert sich dieses Wissen ab Beginn der zweiten Staffel, wenn man den Vulkanier in seiner Brunftzeit erlebt.

Die Serie ist aber auch angefüllt mit sympathischen Klischees, wenn etwa zum xten Mal ein Besatzungsmitglied mit rotem Hemd stirbt, Kirks Uniform zum 50sten Mal zerfetzt und seinen schmerigen Oberkörper freigibt, Dr. McCoy verkündet „Er ist tot, Jim!“ oder Spock seinen vulkanischen Betäubungsgriff einsetzt. All das macht die Charaktere von Star Trek und ihr Zusammenspiel untereinander verdammt liebenswert.

Wie gut sind aber die erzählten Geschichten?

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Klar, man hat ein paar wenige völlig disaströse, käsige und vorhersehbare Folgen dabei, die wirklich schlecht gealtert sind. Keine Frage. Zum Beispiel die Folge „Auf Messers Schneide“ ist wohl so ziemlich der absolute Tiefpunkt der Serie…..aber der ist eingebettet zwischen mindestens 10 wirklich guten Folgen. Die Anzahl der guten Folgen überwiegt stark. Zu 98% erwartet den Zuschauer etwas nicht vorhersehbares. Die Begegnungen mit ausserirdischen Völkern sind kreativ inszeniert und die ersten Begegnungen mit den Romulanern und den Klingonen machen einfach nur Spass anzusehen, da den Machern der Serie sicherlich nicht zum Produktionszeitpunkt klar gewesen ist, welch ein Rattenschwanz sich noch entwickeln sollte um deren Kulturen und Sprachen. Es gibt wie sicherlich der ein oder andere Leser weiss derart verrückte Fans der Serie, die sich mit einem bestimmten Volk gar inszenieren und dessen Sprache erlernen und Outfit tragen. Sehr cool sind auch die Zeitreise-Folgen, wie „Griff in die Geschichte“ in der den Zuschauern bis zum Schluss nicht klar ist, welches Ereignis verhindert werden muss um das Fortbestehen der Enterprise in der Zukunft zu sichern.

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Absolut beeindruckend ist vor allem, wie die Serie für die heutige Zeit remastered wurde. Klar verfälscht sowas immer ein wenig den Nostalgie-Faktor, wie man das ja bei den mittlerweile kaputtvergewaltigten Star Wars-Filmen sieht. Da Star Trek aber keine Serie ist, die auf Effekthascherei setzt sind die remasterten Sequenzen passend und verleihen der Serie einen zeitlosen Look. Die Raumschiff-Sequenzen wurden aufgehübscht, die Planeten wurden um liebevolle Überblendungen erweitert und den vormals leblosen Augen von Ganzkörpermasken wurde Leben durch Augenblinzeln einverleibt. Das Remastering ist gewinnbringend für die ganze Serie eingesetzt worden.

Die Serie war ihrerzeit ein Flop und hat erst Jahre später ihren heutigen Ruhm erlangt.

Nun, wie aus diesem Artikel ersichtlich ist „Star Trek“ eine Serie von der ich befürchtete, dass sie viel verloren hätte. Positiv überrascht bin ich jedoch über die Zeitlosigkeit der Serie und möglicherweise führt sie dazu, dass ich auch eines Tages mein Wohnzimmer zur Brücke umbaue….

 

3 Gedanken zu „„Raumschiff Enterprise“ – Was taugt „Star Trek“ noch?

  1. Vielleicht abgesehen von The Next Generation sind sowohl die Originalserie als auch sämtliche Spin-Offs ausnehmend gut gealtert, was nicht zuletzt an ihrer ikonischen Bedeutung teils für die Nerdkultur, aber auch teils für den Mainstream liegt, so dass die Episoden auf ganz unterschiedlicher Ebene funktionieren. Nach über einem Jahrzehnt gänzlicher Star Trek-Abstinenz hat mich die Serie seit gut einem Jahr vollkommen in ihren Bann geschlagen, mal durch intellektuelle Herausforderung, mal durch die Bereitstellung einer idealen Komfortzone, mal zur Befriedigung nerdigen Kohärenzstrebens und mal mittels heller Begeisterung für die unschuldige Naivität, die immer wieder speziell bei TOS durchscheint.

  2. Einer der Besonderheiten der Star Trek TOS ist auch, dass zum ersten Mal eine afro-amerikanische Frau (Uhura) als eine der Maincharakter eingeführt wurde. Wenn man bedenkt aus welchen Jahrzehnt die Serie stammt, war das ein mutiger Schritt von Gene Roddenberry, die auch zukunftweisend war.

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