Paranoia oder okkulte Gefahr? – „Rosemaries Baby“

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Mindestens zum zehnten Mal in meinem Leben habe ich heute Roman Polanskis Grusel-Klassiker „Rosemaries Baby“ geschaut. Und trotz der Tatsache, dass mir das Ende bereits bekannt ist, verliert der Film nichts an Faszination, Spannung und der Hoffnung, dass am Ende alles gut wird. Warum es sich lohnt, den Film immer wieder zu schauen? Bild

Das junge Pärchen Rosemary und Guy Woodhouse besichtigen eine Wohnung in einem Gebäude mit düsterer Geschichte. Dieses war bereits 80 Jahre zuvor von Okkultisten und kannibalistischen Nonnen bewohnt worden. Die Vorbesitzerin der Wohnung ist kürzlich verstorben und hat die Wohnung dementsprechend in einem möblierten Zustand hinterlassen. Auffällig dabei ist, dass die Tür zu einer belanglosen Speisekammer mit einem Wandschrank zugestellt worden ist. Rosemary und ihr Mann ziehen unbekümmert in die Wohnung und schmieden erste Pläne, sich fortzupflanzen und ein Kind in die Welt zu setzen.

BildDurch den tragischen Selbstmord einer Nachbarin lernen die Woodhouses kurz darauf die Cassavets kennen, ein älteres Ehepaar, bei dem die Selbstmörderin lebte und die quasi Wand an Wand mit dem jungen Paar leben. Doch statt großer Trauer kommt von Seiten der Cassavets große Freude, Neugier und vor allem Penetranz gegenüber dem jungen Paar entgegen. Man wird zum Essen eingeladen, man wird zur Fortpflanzung motiviert, ja man wird regelrecht und überfreundlich in Beschlag genommen. Herr Cassavets übt eine große Faszniation auf Herrn Woodhouse aus und so geht er auch unabhängig von Rosemary von nun an öfter zu ihm herüber um dessen Lebensgeschichte zu lauschen. Rosemary indes ist verwundert über die Freundlichkeit der Casavets und auch über seltsame Gesänge die sie hin und wieder an der Schlafzimmerwand vernimmt. Auch verwunderte sie, dass beim ersten Besuch in der Wohnung des alten Paares alle Biler abgehangen waren. Als Frau Cassavets eines Abends den Woodhouses eine Portion Mousse o´ Chocolate vorbeibringt, wird Rosemary nach deren Verzehr von einer Ohnmacht erfasst und landet in einem surrealen Traum. Darin wird sie ans Bett gefesselt und von einer behaarten Kreatur mit gelben Augen vergewaltigt.

BildUmso verstörter ist Rosemary, als sie mit Kratzwunden am Körper erwacht und erfährt, dass ihr Mann am vorigen Abend die Gelegenheit nutzte, sich mit ihr zu paaren. Einige Tage darauf erfähr Rosemary, dass sie schwanger ist. Von nun an überschlagen sich die Ereignisse: Rosemary wird von den Cassavets kontrolliert und mit Kräutertränken und Talismanen versorgt. Mehr noch wird ihr durch die beiden ein neuer Hausarzt organisiert und genau darauf geachtet, mit wem sie sich abgibt. Mit der Zeit häufen sich mysteriöse Ereignisse in Rosemaries Umwelt und durch das Vermächtnis eines verstorbenen Freundes bekommt Rosemary die dunkle Ahnung, dass die Cassavets trotz ihrer Freundlichkeit nichts Gutes im Schilde führen…

An dieser Stelle wird die möglicherweise offensichtliche Pointe des Films nicht verraten. Soviel sei gesagt: Roman Polanski hat im Jahr 1968 mit diesem Film das Horror-Genre revolutioniert. Als einer der ersten Filme widmete sich „Rosemaries Baby“ schonungslos der diffusen Gefahr durch den modernen Okkultismus. Und als diffus lässt sich das Gefühl der Bedrohung quer durch den ganzen Film hindurch beschreiben. Andeutungen und Kontext spielen eine wichtige Rolle im Spannungsaufbau. Übertriebene Freundlichkeit als Gefahr ist ein Ansatz im Horrorfilm, der selten so treffend erreicht worden ist, wie in „Rosemaries Baby“. Die Cassavets tun den ganzen Film über nichts, was einen Aussenstehenden glauben liesse, dass sie etwas Böses im Schilde führen würden. Aber in der Gesamtheit des Films und ihrer wachsenden Penetranz und Besessenheit von Rosemaries Schwangerschaft wird eine nicht zu greifende Bedrohung deutlich. Rosemary steht dabei stellvertretend für die sich fügende und gutgläubige Frau der 60er. Sie bewirtet ihren Mann, erduldet dessen sexuelle Gelüste und hat Respekt vor älteren Mitmenschen und deren Ratschläge. Diesbezüglich ist sie den ganzen Film hindurch unvermögend etwas zur Entspannung ihrer eigenen Situation zu unternehmen. Als Zuschauer erlebt man den Film auch heute noch wahrscheinlich mit den selben Augen, wie die Zuschauer vor 45 Jahren. Man sieht hilflos Rosemaries Schicksal zu und betet für sie, hofft, dass ihre Lebenssituation sich zum positiven verkehren wird.

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Nun ist Polanski als Regisseur biografisch und erzählerisch immer eine Person gewesen, die sowohl mit dem filmischen Werk als auch mit seinem Privatleben Aufsehen erregte. „Rosemaries Baby“ war nach dem Nischenfilm „Ekel“ seine erste Arbeit, die einem breiten und internationalen Publikum zugänglich gemacht wurde. „Rosemaries Baby“ ist gleichermaßen massentauglich, wie unkonventionell, künstlerisch anspruchsvoll, gruselig und tabubrechend für die Zeit seiner Entstehung. Einen unheimlichen Ruf hat der Film auch durch die Tatsache im Dakota Building gedreht worden zu sein, jenem Wohnhaus in dem einst Yoko Ono und John Lennon lebten und vor dem letzterer erschossen worden ist.

„Rosemaries Baby“ kommt komplett ohne Spezialeffekte, Blutorgien oder Monsterkostüme aus, sondern schafft lediglich durch den Zusammenhang der Situationen den Grusel zu erzeugen.

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Dieser Film vereint wir kein anderer gleichermaßen die Defintion klassischen als auch modernen Gruselflairs. Das ist es auch, was ihn zum zeitlosen Klassiker werden lässt, der heute genauso gut funktioniert, wie damals. Mia Farrow beindruckt in der Rolle der Rosemary, immer wieder versuchend gegen ihre konservativen Vorsätze anzukämpfen und zu realisieren, dass man ihr nichts gutes will. Sie schneidet sich die Haare burschkos, sie widersetzt sich zaghaft Konventionen und Ansprüchen. Aber sie wird geprägt und gebremst durch ihren katholischen Glauben, durch klare Rollenverteilung von Mann und Frau und die Duldung von dessen Dominanz. Und dieser innere Konflikt ist es, der die Handlung des Films und Rosemaries Unvermögen erst ermöglicht.

Roman Polanski appelliert mit dem Film gleichermaßen an unreflektierte Gutgläubigkeit und an die Unabhängigkeit der Frauen.

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Wie gesagt, handelte es sich um mindestens das zehnte Mal, dass ich den Film gesehen habe. Das erste Mal war ich 13 und konnte mich lediglich für seine gruselige Geschichte begeistern. Doch mit zunehmendem Alter begann ich immer mehr Facetten und Subtext in dem Film wahrzunehmen, wenn ich sie auch nicht immer derart in Worte fassen konnte, wie ich es jetzt tue. Darum kann ich nur sagen, dass ich den Film uneingeschränkt jedem empfehlen kann. Es handelt sich um einen zeitlosen Klassiker, der seine Geschichte gruselig aber selbst zarten Gemütern nicht zu verstörend erzählt. Definitiv ein Meisterwerk!

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