Ikarie XB-1 – 120 Tage von Sodom im Weltall

Bild1962 war noch lange nicht von „Star Trek“ die Rede und „Doctor Who“ sollte erst ein Jahr später mit der Tardis durch Raum und Zeit reisen. Dennoch drehte der Tscheche Jindrich Polak einen äusserst progressiven Science-Fiction-Film über eine Weltraum-Expedition zu neuen Welten, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Jindrich Polak? Da klingelt doch was bei den älteren Semestern, oder? Viele der guten alten tschechischen Kinderserien, wie „Die Besucher“ oder „Pan Tau“ stammen aus seiner Feder. Wer hätte da gedacht, dass jener Mann auch einen für seine Zeit recht erstaunlichen Science-Fiction-Film produzierte?

BildSchauplatz der Handlung ist das namensgebende Forschungsschiff „Ikarie“, welches zu einer 16-jährigen Mission gestartet ist um das Sonnensystem von Alpha Centauri zu erreichen und einen Planeten zum Terraforming zu suchen. Die Crew besteht aus mehreren Männern und Frauen, die ihre Familien auf der Erde zurücklassen mussten, was durchaus nicht unproblematisch verläuft. Durch die Geschwindigkeit im All werden die Zurückgelassenen auf der Erde bei der Rückkehr wesentlich älter sein, als die Crew-Mitglieder.Zudem lassen sich bei einer geschlechtsgemischen Gruppe Emotionen und Libido nicht einfach unterdrücken. Man isst zusammen, man lacht zusammen, tanzt miteinander und hin und wieder duscht man sogar zusammen und läuft leichtbekleidet über das Deck.

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Doch nach 20 Minuten ist genug mit den Albernheiten, denn ein mysteriöses Raumschiff wird im Weltall gefunden. Bei der Exkursion zweier Crew-Mitglieder finden sie dort einen Haufen Leichen vor, die durch das Giftgas „Tigger Fun“ getötet wurden um Sauerstoff für die Anführer zu sparen. Die haben das Ganze jedoch auch nicht überlebt und sich kurz darauf offenbar selbst getötet. 1987 war das Raumschiff wohl aufgebrochen und durch Zufall entdeckt und aktiviert man aus Versehen die heimtückische Fracht des Schiffs: Atombomben. Es gibt eine beeindruckende Explosion und die beiden Kosmonauten sterben an Bord des unheimlichen Sarges.

Wir haben die Halbzeit des Films erreicht und der Film beginnt von der Stimmung her ins Melancholisch-depressive, aussischtlose und zermürbende zu driften. Aufgrund der Atomexplosion müssen zwei weitere Kollegen am Aussenrand der Ikarie den Motor wieder reparieren. Dabei kommen sie mit kosmischer Strahlung in Berührung, ausgehend von einem dunklen Stern. Das hat zur Folge, dass die Impulswellen die Crew missmutig und kränkelnd vor sich hin siechen lassen.

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Der stellvertretende Commander entschliesst sich nach langem Hin und Her schliesslich den Rückflug anzutreten und die Mission abzublasen, um die Gesundheit der Crew nicht aufs Spiel zu setzen, sehr zum Bedauern des wissenschaftlichen Leiters. Die beiden Mechaniker, die direkt mit der Strahlung des Dunkelsterns in Berührung kamen verfallen weiterhin an ihrer Krankheit und einer von beiden dreht sogar durch und läuft Amok durch die Ikarie.

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Nun gibt es als Zwischenepisode eine Jagd auf jenes Mitglied der Besatzung, das sich nichts sehnlicher wünscht, als hinaus ins Weltall zu springen, weil es die Erde für eine Illusion zu halten beginnt.

Doch da erscheint unerwartete Hilfe…

Tja, das war im großen und ganzen die Zusammenfassung des Films „Ikarie XB-1„. Prinzipiell fand ich ihn inhaltlich solide. Die schwarz-weisse Optik des Films verstärkte sein düsteres Ambiente und die Spezial- und vor allem Lichteffekte überzeugten auf ganzer Linie. Nichtsdestotrotz wird der Film nicht jedermans Geschmack treffen können. Auch wenn es sich vordergründig um einen Science-Fiction-Film handelt, steht groß im Hintergrund die sozialen und emotionalen Auswirkungen und der Lagerkoller, den eine Crew während einer solchen Mission unweigerlich erleiden würde. Damit greift der Film die Tatsache auf, dass allein eine körperliche Eignung nicht ausschlaggebend für die Auswahlkriterien für eine Weltraummission dieser Art wären, sondern vor allem auch die psychische und nervliche Verfassung der Crew.

Es hat schon einige Filme mit diesem Thema gegeben, aber „Ikarie XB-1“ wird mit Sicherheit einer der ersten, wenn nicht gar DER erste Film gewesen sein, der sich mit diesem Thema beschäftigt. BildEinzig und allein der Soundtrack des Films ist anstrengend und geradezu unerträglich in vielen Passagen. Er klingt wie rückwärts gespielte und abgehackte Melodien auf einem Casio-Keyboard. Ein dunkler Hörner-Klang hätte dem Film sicherlich besser getan und würde ihn zeitloser wirken lassen.

Das Dekor der „Ikarie“ hingegen muss ich jedoch loben. Vergleicht man es mit dem späteren Müll-Design der „Raumpatrouille Orion“ oder der geleckten Brücke der „Enterprise“, dann gewinnt die Ikarie jedoch zweifelsohne den Preis für das beste Setting.

Die deutsche Defa-Synchron ist in Ordnun, hat aber ein paar unschöne Tonaussetzer und viele Sprecher mit ostpreußischem Akzent, so dass man sich erstmal reinhören muss.

Für die harten Sci-Fi-Fans mit Sicherheit ein Genuss!

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