„Gestatten: Josef Schmidt“ – Wahrheitssuche in Janoschs Traumstunde

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Man schrieb das Jahr 1986. Der kalte Krieg war noch am nachdampfen und das deutsche Kinderfernsehen war besser denn je! Eine wunderbare Eigenproduktion des WDR ging ins Rennen mit Namen „Janoschs Traumstunde“, basierend auf den bekannten Büchern selbigen Autors. Innerhalb von 4 Jahren wurden 26 Folgen produziert die jeweils 1 bis 4 Geschichten pro Folge in liebevoll animiertem Zeichentrick erzählten.

Anmoderiert wurden die Folgen vom „großen, dicken Waldbär“. Inhalte der Geschichten handeln von Tieren, von Menschen, von Menschen und Tieren, von Räubern und immer mit einem Hauch melancholischem Zauber und frechem teils sogar zweideutigem Humor gewürzt. Wenn etwa der große, dicke Waldbär mit einem Lächeln und einer Schweinemaske auf der Nase sagt, dass jeder dritte Mensch ein Schweinchen sei, die Maske abnimmt und schnippisch dem Zuschauer zuzwinkert, spricht das eindeutig zweideutig dafür, dass die Serie sowohl für Kinder wie Erwachsene gleichermaßen gedacht gewesen ist.

Überhaupt ist ein verstärkter Hang zur Erotisierung in „Janoschs Traumstunde“ zu beobachten, wenn immer wieder Figuren im Hintergrund miteinander intim werden, kuscheln, sich küssen oder aneinander frottieren. Auch die „Freundschaft“ zwischen Tiger und Bär ist nicht eindeutig zu verstehen. Beide leben zusammen wie ein Paar und es wird nicht klar betitelt, ob einer von beiden möglicherweise weiblich sei.

Kurzum, was Weltoffenheit betrifft, war „Janoschs Traumstunde“ anderen Kindersendungen ihrer Zeit weit voraus.

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Aber auch die Inhalte der Folgen greifen in einem geheimnisvollen oft nicht begreifbaren Kontext ineinander über. Zum Beispiel in der Geschichte „Der Rabe Josef“ setzt sich jenes Federvieh von seiner Familie ab, weil er so ganz und gar neben der Spur geraten ist. Er bringt sich selbst das Sprechen bei und beginnt die Kleidung der Menschen zu tragen und sich als Schüler einer Grundschule in die Gesellschaft der Menschen zu begeben. Dort angekommen stellt er fest, dass die Toleranz für Individualität ebenso wenig gegeben ist, wie bei seiner Rabenfamilie zuvor. Rabenmütter und Rabenväter gibt es somit auch in der Welt der Menschen…

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In „Das Geheimnis des Herrn Schmidt“ verfolgt schliesslich der Tscheche Herr Wrawratil seinen mysteriösen Nachbarn Josef Schmidt um dann dessen Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Er scheint fliegen zu können, ein Rabe zu sein und bereits ewig zu leben. Und ausserdem besitzt er die Freiheit an jedem Ort zu leben, an dem er leben möchte.

Rabenkönig Wenzel vertreibt in einer anderen Geschichte drei gemeine Räuber, Lebemann Popov lernt von einem Kleiber das Fliegen, ein Frosch versammelt alle Frösche aus seinem Teich zu einem bestimmten Termin um ihnen zu zeigen, dass er fliegen könne; wie man sieht offenbart sich in der Serie ein gewisser Kern, der hinter der Symbolik des Fliegens und Vogel-Daseins versteckt ist.

Aber die Geschichten behandeln weit mehr, als lediglich diese Thematik. Wiederkehrend ist auch Freundschaft und Heimat, wie in den Geschichten vom Tiger und Bär zu sehen. Bild

Der Igel Schnuddel präsentiert sich auf geistig kreativer Ebene, Josa mit der Zauberfidel fidelt den Mond groß und klein und Querdenker Hannes Strohkopp zaubert sich ein Regenauto, einen unsichtbaren Indianer und unternimmt eine Reise mit der Schneckenbahn. Ehrenhafte Obdachlose und ein überkandideltes „Lumpengesindel“.

Die Geschichten werfen viele Fragen auf. Warum? Wieso? Was haben Sie sich dabei gedacht, Herr Janosch? Ja, manche Folgen sind in ihrer Erzählweise so surreal, geradezu anarchistisch Kinder dazu auffordernd, nicht auf ihre Eltern zu hören, sondern ihr eigenes Ding zu machen, dass man sich fragt, worin der große Erfolg dieses Autors begründet liegt. Meine Antwort darauf ist: Janosch ist als Mensch ein Unikat. Er propagiert Freiheit mit dem Sinnbild des Fliegens, weil er sich selbst als räumlich ungebundenen freien Menschen sieht, der seinen Lebensraum frei wählt. Er plädiert an die Freundschaft, weil ihm gerade diese in der Gesellschaft zu kurz kommt. Und vor allem: Janosch appelliert an das Individuum in jedem einzelnen von uns. Wir sollen uns nicht verstellen. Kinder sollen seiner Meinung nach nicht auf Teufel komm raus ihren Eltern gefallen wollen, sondern lernen, ihr eigenes Ding zu drehen!

Als Kind der 80er hat die Botschaft von „Janoschs Traumstunde“ mich erreicht, wie kaum eine andere Zeichentrick-Produktion aus deutschen Landen. Rückblickend kann ich sagen, dass Janoschs Werte definitiv Einfluß auf meine Biografie genommen haben.

Mein Fazit lautet: Ich habe Zweifel an dem Wert von Produktionen wie „Spongebob“ oder „Cosmo & Wanda“. Die Aufgekratztheit der Hauptfiguren ist stellvertretend für die aufgekratzten und gehetzten Kinder der heutigen Zeit. Die Zeiten haben sich jedenfalls gewandelt. Und dennoch kann „Janoschs Traumstunde“ sicherlich auch heute noch dazu beitragen, dass wir nach dem harten Schul- oder Arbeitsalltag einfach mal wieder runterkommen dürfen.

Vielen Dank, lieber Janosch!

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